Infizierte Wunden, septische Wunden

Infizierte Wunden, septische Wunden

Das Eindringen von Krankheitserregern in den Organismus mit der möglichen Folge einer Infektionskrankheit nennt man Wundinfektion. Alle Wunden ziehen unterschiedlichste Erreger an.

In chronischen Wunden lassen sich stets unterschiedliche Erreger nachweisen. Für den korrekten Umgang mit den Ergebnissen des bakteriellen Abstrichs – insbesondere beim Nachweis multiresistenter Erreger – ist es wichtig, die Zustände der Kontamination und Kolonisation von einer Infektion abzugrenzen zu können. Denn nur im Falle einer generalisierten Infektion (Sepsis) sollte eine rationale antibiotische Therapie durchgeführt werden.

Ca. 75 % der Erreger in chronischen Wunden machen Staphylococcus aureus und Pseudomonas aeruginosa aus. Viren und Sporen kommen in Wunden selten vor.1

Entzündungszeichen: Symptome der Wundinfektion

Wundinfektion, kritisch kolonisierte Wunde am Unterschenkel
Wundinfektion am Unterschenkel

Eine kritische Kolonisation bzw. Infektion ist an den folgenden Entzündungszeichen erkennbar:

  • Rötung (Rubor)
  • Schwellung (Tumor)
  • Wärme (Calor)
  • Schmerzen (Dolor)
  • Bewegungseinschränkung (Functio laesa)

Sowie

  • Verhärtung
  • Stagnation der Wundheilung
  • Veränderung von Farbe und Geruch des Wundexsudates

Von diesen Zeichen müssen mindestens sechs erkennbar sein. Ein ausgeprägter Wundgeruch ist im Übrigen kein generelles Anzeichen für eine Wundinfektion. Bei Nachweis von MRSA oder Pseudomonas aeruginosa oder Auftreten von Eiter spricht man immer von einer Infektion.2

Video: Infizierte Wunden

Video: Infizierte Wunden - Wundwissen kompakt

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Erfahren Sie in unserem „Wundwissen kompakt“ Video alles Wichtige über infizierte Wunden:

  • Definition
  • Anzeichen
  • Abstufungen
  • Ursachen
  • Behandlung

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Welche Erreger sind für Infektionen verantwortlich?

Für die Entstehung einer Wundinfektion können unterschiedlichste Erreger verantwortlich sein. Mittels Wundabstrich sind viele Arten nachweisbar. Oft handelt es sich bei den nachgewiesenen Erregern um grampositive Kokken, gramnegative Kokken, Anaerobier oder Hefepilze.

Die beiden häufigsten Erreger sind:

  • Staphylococcus aureus
  • Pseudomonas aeruginosa

Manche Formen des Staphylococcus aureus werden methicilin-resistent. Diese MRSA finden sich in ca. 8% der chronischen Wunden.

In offenen Wunden finden Mikroorganismen gute Wachstumsbedingungen vor. Sie benötigen konstante Temperaturen und ausreichend Nährstoffe, wie Kohlenhydrate und Eiweiße, Wasser und erregerabhängig kontinuierlich Sauerstoff. Das Wundexsudat liefert die Nährstoffe und das Wasser, die Körperwärme fungiert wie ein Treibhaus und der Sauerstoff wird über die Umgebung zugeführt.

Gefährdete Körperstellen
Jede Wunde, unabhängig von der Körperstelle, kann sich entzünden. Besonders gefährdet sind die, die in enger Nähe zu bakterienreichen Regionen wie dem Analbereich liegen. Mangelnde Hygiene kann aber jede Wunde am Körper infizieren. So sollte mit einer offenen Wunde nicht geduscht werden, da sonst Keime aus dem Wasserhahn oder vom übrigen Körper in die Wunde gespült werden können.

Staphylococcus aureus
Staphylococcus aureus
Pseudomonas aeruginosa
Pseudomonas aeruginosa

Welche Kolonisationsgrade gibt es?

Für den korrekten Umgang mit den Ergebnissen des bakteriellen Abstrichs, insbesondere beim Nachweis multiresistenter Erreger, ist es wichtig, Zustände der Kontamination und Kolonisation von einer Infektion abzugrenzen.

Die Übergänge zwischen diesen Zuständen sind jedoch oftmals fließend, insbesondere bei Patienten mit entsprechenden Risikofaktoren, wie z.B. chronischen Wunden. Bei der Kontamination sind Keime vorhanden und nachweisbar. Sie stellen aber keine Beeinträchtigung des Wirts, in diesem Fall des Menschen, dar. Jede chronische Wunde ist kontaminiert.

Von einer kritischen Kolonisation ist die Rede, wenn es zu einer Vermehrung dieser Keime kommt, die jedoch noch immer keine systemische Immunreaktion auslöst. Die Heilung chronischer Wunden kann dadurch jedoch bereits verzögert werden.

Eine Infektion ist dadurch definiert, dass sich, getriggert durch die starke Keimvermehrung, eine systemische Wirtsreaktion einstellt, die die klassischen Zeichen einer Entzündung aufweist (Rötung, Überwärmung, Schwellung, Schmerz, ggf. Funktionsverlust). Man unterscheidet eine lokale von einer systemischen Infektion.

Eine Lokalinfektion ist eine auf einen Gewebeabschnitt begrenzte Infektion, bei der die Erreger lokal auf den Eintrittsort beschränkt bleiben. Ab diesem Zeitpunkt ist ein Eingreifen unbedingt erforderlich, da ansonsten die Gefahr einer Sepsis besteht. Die starke Keimvermehrung in der Wunde des Patienten führt zu einer ganzkörperlichen Immunreaktion.

Aus einer Lokalinfektion kann eine systemische Infektion entstehen. Hierbei gelangen Erreger direkt in den Blutkreislauf und können sich so über andere Organe ausbreiten. Eine zielgerichtete Behandlung wird hier für den Patienten überlebenswichtig.

Die nachstehende Übersicht zeigt die Zustände der Kontamination, Kolonisation und Infektion mit entsprechenden Maßnahmenempfehlungen zur Wundreinigung. Klinisch lassen sich Kontamination und kritische Kolonisation nicht voneinander unterscheiden.

Zeichnung einer kontaminierten Wunde
Kontamination: Spülung mit (angewärmter) Ringer- oder Kochsalzlösung.
Zeichung einer kolonisierten Wunde
Kolonisation: Spülung mit (angewärmter) Ringer- oder Kochsalzlösung.
Zeichung einer kritisch kolonisierten Wunde
Kritische Kolonisation: Antiseptika einsetzen.
Zeichnung einer lokalen Infektion
Lokale Infektion: Antiseptika einsetzen, ggf. systemische Antibiotika.
Zeichnung einer systemischen Infektion
Systemische Infektion: Antiseptika und systemische Antibiotika einsetzen.

Bei der Ansiedlung von Erregern unterscheidet man zwischen Kontamination, Kolonisation, Kritischer Kolonisation, lokaler Infektion und systemischer Infektion.

Welche Ursachen führen zu Wundinfektionen?

Neben den bereits genannten Mikroorganismen gibt es weitere Faktoren, die die Entstehung einer Infektion begünstigen können.

So können beispielsweise physikalisch-chemische Ursachen einen wesentlichen Einfluss nehmen. Hierzu gehören unter anderem Druck und Reibung, unterschiedliche Temperaturen, die wesentlich höher oder niedriger sind als die normale Körpertemperatur, Strahlung sowie Säuren und Basen.

Auch körpereigene Ursachen können eine Wundinfektion begünstigen. Wenn beispielsweise bei einem Tumor körpereigene Zellen zerfallen, ist das Immunsystem stark gefordert. Dies kann zu einer Entzündung im Gewebe führen. Es gibt verschiedene Erkrankungen, die mit einem geschwächten Immunsystem einhergehen. Dadurch werden dann Infektionen mit Bakterien oder Viren erleichtert. Dazu gehören Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Mellitus, Psoriasis oder Lupus erythematodes. Auch das Alter an sich kann zu einem geschwächten Immunsystem führen. Immunsupprimierende Medikamente wie Cortison können ebenfalls die Infektionsgefahr erhöhen.

Die Wahrscheinlichkeit einer Wundinfektion hängt von unterschiedlichen Faktoren ab:

  • Art der Wunde (z.B. akut oder chronisch)
  • Anzahl und Ansteckungsfähigkeit der Erreger
  • Grunderkrankungen des Patienten, die das Immunsystem schwächen

Video: Vermehrung von Biofilm auf einer Wunde

Vermehrung von Biofilm

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Diagnostik infizierter Wunden

Zur allgemeinen Diagnostik bei Menschen mit chronischen Wunden gehört neben einer sorgfältigen Gefäßdiagnostik mittels arteriellem Ultraschalldoppler und Duplexsonographie der Venen auch die Entnahme eines bakteriologischen Abstrichs.

Entsprechend aktueller Empfehlungen sollte die Abstrich-Entnahme dabei die komplette Wundfläche erfassen. Es bietet sich eine Entnahme nach dem Essener Kreisel an. Dabei lassen sich immer Bakterien nachweisen, eine chronische Wunde ist niemals steril.

Bedeutung von Biofilm

Biofilme sind Lebensgemeinschaften, die sich aus Bakterien zusammensetzen. Diese bilden gemeinschaftlich eine Schleimschicht aus. Diese heftet sich an Oberflächen und vermehrt sich schnell im feuchten Wundmilieu.

Die Schleimschicht besteht in der Regel aus Schichten von Polysacchariden, Proteinen, Lipiden und Bakterien-DNA. Sie wächst ständig und passt sich schnell an jede beliebige Umgebung an. Zusätzlich bietet die Schleimschicht einen guten Schutz vor Desinfektionsmittel. Nur eine sehr frühe Unterbindung des beginnenden Wachstums, z.B. durch mechanisches Débridement, stört das Heranwachsen der Mikroorganismen nachhaltig.

Video: Biofilm entfernen, aber wie? Tipps für die Wundversorgung

Videoblog: Biofilm

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Ausführliche Informationen finden Sie in unserem Artikel zum Thema Biofilm.

Biofilm

Lokale Entzündungsreaktion

Was ist eine lokale Entzündungsreaktion?

Werden auf das Gewebe Druck oder Reibung, z.B. durch eine heftige Prellung oder Quetschung, ausgeübt oder ereignet sich eine Verbrennung, eine Erfrierung, ein Unfall mit Säuren oder Laugen oder zerfällt ein Tumor im Körper, sterben die betroffenen Gewebezellen ab. Die Zellen werden zerstört und zerfallen in kleine Teile. Diese Zellinhaltsstoffe gelangen in das umgebende Gewebe oder in die Blutbahn. Der Körper erkennt diese Zellinhaltsstoffe als gefährlich und will sie mit der sogenannten „Immunreaktion“ unschädlich machen. Bei der Immunreaktion wird die Durchblutung gesteigert, um schnell die „Immunpolizei“ (sog. Immunkompetente Zellen) an den Ort der Zerstörung zu bringen. Dies führt zu einer Rötung. Im Zuge der gesteigerten Durchblutung gelangt auch mehr Plasma ins Gewebe, dies erscheint dann als Schwellung oder Ödem.

Wie äußert sich eine lokale Entzündungsreaktion?

Der Betroffene spürt zu Beginn ein Krankheitsgefühl, er fühlt sich ungewohnt müde und abgeschlagen. Fieber kann, muss aber keine Begleiterscheinung sein. Wird in dieser Phase das Blut des Betroffenen untersucht, kann ein Ansteigen der Leukozyten beobachtet werden. Darüber hinaus nehmen die Granulozyten ab. Ein weiterer Marker für das Vorhandensein einer Entzündung ist die Erhöhung des Eiweißes CRP. In der akuten Phase kann sich das CRP auf das 80%-fache seines Ausgangswertes erhöhen. Derart hohe Werte finden sich bei einer Sepsis, die durch Erreger wir E. coli verursacht werden.

Wie lässt sich eine Entzündung einteilen?

Entzündungen lassen sich in unterschiedliche Kategorien einteilen.

  1. Nach der Ausbreitung: Hier werden lokale Entzündungen von generalisierten unterschieden. Im Falle einer Wundinfektion ist die lokale Entzündung auf das Gebiet der Wunde beschränkt. Breitet sich die Entzündung über das Wundgebiet hinaus in das umliegende Gewebe aus, spricht man von einer generalisierten Entzündung.
  2. Nach dem zeitlichen Verlauf: Wenn eine Entzündung plötzlich und schnell einsetzt, spricht man von einer akuten Entzündung. Die Entzündung klingt in der Regel innerhalb von 3 bis 14 Tagen ab. Ein Beispiel dafür ist eine akute Entzündung der Atemwege, auch Bronchitis genannt. Im Bereich der Wunde zählt das Erysipel zu den akuten Entzündungen. Im Gegensatz dazu entwickeln sich chronische Entzündungen schleichend, der Beginn kann nicht klar bestimmt werden. Sie bestehen über Monate. Patienten mit Diabetischem Fußsyndrom erleben häufiger eine chronische Entzündung. Wenn Entzündungen nach einer vollständigen Abheilung wieder auftreten, wird von einem Rezidiv oder einer rezidivierenden Entzündung gesprochen.

Behandlung und Therapie einer Wundinfektion

Wundbettvorbereitung

Die Wundbettvorbereitung besteht aus der Wundreinigung und dem Débridement. Erst wenn die Wunde gereinigt wurde, kann die Wundauflage angewendet werden.

Wundreinigung (wichtig vor Abstrich!)

Vor dem Abstrich wird die Wunde durch eine mit 0,9%iger NaCl-Lösung getränkten Mullkompresse von den gröbsten Verschmutzungen gereinigt.

Abstriche

Besteht der Verdacht auf eine Kolonisation oder Infektion der Wunde mit multiresistenten Erregern, sollten Abstriche wie folgt durchgeführt werden.

  • MRSA: Abstrich an Wunde, Nase, Rachen, perineal (vielleicht).
  • GRE: Abstrich an Wunde, perineal, anal/rektal
Infizierte Wunde an der Ferse
Infizierte Wunde an der Ferse
Infizierte Wunde an der Ferse, Behandlung
Behandlung mit DracoFoam Infekt Ferse
Infizierte Wunde am Unterschenkel
Infizierte Wunde am Unterschenkel
Behandlung mit DracoFoam Infekt haft sensitiv

Liegt eine Kontamination, Kolonisation oder Infektion einer chronischen Wunde mit multiresistenten Erregern vor, so sollte entsprechend den Empfehlungen des Robert Koch Instituts eine zügige Dekontamination angestrebt werden. Häufig lassen sich auch an anderen Körperstellen und abhängig von der chronischen Wunde Erregerreservoirs nachweisen, die eine Keimeliminierung (Eradikation) erschweren.

Arten von Abstrichen

Mögliche Methoden für den Abstrich sind:

Essener Kreisel

  1. Anwendungshinweise auf dem Trägermaterial beachten
  2. Probenentnahme erst nach Wundreinigung, keine Desinfektion
  3. Abstrichentnahme erfolgt unter leichtem Druck kreisend von außen nach innen über die gesamte Wundfläch
  4. anatomische Lokalisation auf dem Beiblatt angeben (vgl. Dissemond 2009)


Levine-Technik

  • Anwendungshinweise auf dem Trägermaterial beachten.
  • Probenentnahme erst nach Wundreinigung, keine Desinfektion.
  • Trägermaterial wird mit einer Drehbewegung über einen 1x1 cm großen Ausschnitt der Wunde geführt, gerade mit so viel Druck, dass Wundflüssigkeit aus dem Gewebe austritt.
  • Aus der Tiefe und vom Rand.
  • Anatomische Lokalisation auf dem Beiblatt angeben.

    Biopsie

    Bei einer Biopsie werden mittels Hohlnadel oder Stanze Gewebe- oder Flüssigkeitsproben entnommen. Bei Verwendung einer Hohlnadel befindet sich im Inneren der Nadel das zu untersuchende Gewebe oder einzelne Zellen. Bei der Feinnadelbiopsie wird Körperflüssigkeit, z.B. aus einer Fistel, gesaugt. Bei einer Stanzbiopsie werden größere Gewebeteile entnommen.

    1. Desinfektion der Haut
    2. Durchführung der Biopsie
    3. Einschicken der Probe an das Labor

    Video: Essener Kreisel Wundabstrich bei chronischen Wunden & Wundinfektion

    Video: Essener Kreisel, Wundabstrich

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    Wundantiseptika oder Antibiotika?

    Die Anforderungen an Antiseptika bei chronischen Wunden sind hoch. Derzeit gibt es drei Wirkstoffe, die für den Einsatz bei chronischen Wunden empfohlen werden: Polyhexanid (PHMB), Octenidin und Natriumhypochlorit/Hypochlorit (NaOCl/HOCl).

    Polyvidon-Jod (PVP-Iod) wird für die Behandlung chronischer Wunden nicht mehr empfohlen. Das Wirkspektrum aller drei Substanzen ist im Bereich der grampositiven und gramnegativen Bakterien bisher relativ gut.

    Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die Bakterien lernen, auch gegen diese Substanzen, Resistenzen zu entwickeln. Entsprechend sollte auch hier kein unkritischer Einsatz der Antiseptika erfolgen. Sinnvoll ist eine Anwendung bei entsprechender Indikation über einen kurzen Zeitraum. Octenidin hat ein hohes zytotoxisches Potenzial und sollte daher nicht mit Druck in Taschen, Fisteln oder Höhlen injiziert werden und dort verbleiben. Hier kann es in der Folge zu ausgedehnten Nekrosen kommen. Natriumhypochlorit/Hypochlorit eignen sich zur mehrmaligen intensiven antiseptischen Reinigung. Auch die Dekolonisation von MRSA auf Wunden ist damit möglich. Am verträglichsten ist entsprechend der bisherigen Datenlage Polyhexanid. Allerdings hat es den Nachteil, dass es sehr lange Einwirkzeiten (15–20 Minuten) benötigt, um seine Wirkung zu entfalten.

    Die Anwendungsdauer von Antiseptika richtet sich nach den Vorgaben der Hersteller. In der Regel sollten Wunden nicht länger als 14 Tage damit behandelt werden. Dies liegt zum einen daran, dass die Antiseptika nicht dauerhaft eingesetzt werden sollen, um Gewebeunverträglichkeiten und Resistenzen vorzubeugen, andererseits eine Infektion innerhalb von 14 Tagen auch deutliche Verbesserungen zeigen sollten. Geht die Infektion in dieser Zeit nicht zurück, sollte die Therapie überdacht und angepasst werden.

    Bisher existieren keine randomisierten klinischen kontrollierten Doppelblindstudien mit allgemein anerkannten Zielparametern im direkten Vergleich zweier Verfahren der antiseptischen Wundbehandlung, die eine Bewertung über die spezifischen Studien hinaus ermöglichen. Bei den meisten Empfehlungen handelt es sich um reine Expertenmeinung. Unverträglichkeiten gegenüber Octenidin, Polyhexanid oder NaOCl/HOCl werden bisher nur in Einzelfällen berichtet.3

    Wirksamkeit der Wirkstoffe

    Polihexanid:

    • grampositiv: Wirksamkeit positiv
    • gramnegativ: Wirksamkeit positiv
    • Pilze: Wirksamkeit positiv
    • Sporen: Wirksamkeit negativ
    • Viren: Wirksamkeit negativ
    • CAVE: lange Wirkzeiten

    Octenidin:

    • grampositiv: Wirksamkeit positiv
    • gramnegativ: Wirksamkeit positiv
    • Pilze: Wirksamkeit positiv
    • Sporen: Wirksamkeit negativ
    • Viren: Wirksamkeit negativ
    • CAVE: keine Taschen, Fisteln, etc.

    Povidon-Iod:

    • grampositiv: Wirksamkeit positiv
    • gramnegativ: Wirksamkeit positiv
    • Pilze: Wirksamkeit positiv
    • Sporen: Wirksamkeit positiv
    • Viren: Wirksamkeit positiv
    • CAVE: nur akute Wunden, Irritationen, Allergien

    Wundtherapie kritisch kolonisierter und infizierter Wunden

    Bei jedem Verbandswechsel einer chronischen Wunde sollte eine entsprechende Reinigung erfolgen.

    Grobe Verunreinigungen, Nekrosen und festhaftende Fibrinbeläge etc. sollten dabei chirurgisch mit dem Skalpell oder einem Ringmesser (Kürette) entfernt werden. Weniger anhaftende Fibrinbeläge können entweder ebenfalls chirurgisch debridiert, mittels Ultraschalles oder autolytisch (z.B. idealfeuchte Wundbehandlung) entfernt werden.
    Dabei ist darauf zu achten, dass bei mikrobiell besiedelten Wunden die mechanische Reinigung von außen nach innen stattfindet, um die Keime nicht auf der Wundumgebungshaut zu verteilen. Bakterielle Beläge sollten zusätzlich mit Flüssigkeiten abgelöst und reduziert werden.

    Im Falle einer Kontamination reicht eine Reinigung mit physiologischer Kochsalzlösung oder Ringerlösung aus. Kommt es aber zu einer Zunahme der Erregerzahl (Kolonisation) oder gar systemischen Entzündungszeichen, so sind weitere Maßnahmen erforderlich.

    Kritisch kolonisierte bzw. infizierte Wunde am Knöchel
    Kritisch kolonisierte bzw. infizierte Wunde am Knöchel.

    Systemische antibiotische Therapie

    Ist eine chronische Wunde (mit oder ohne multiresistente Erreger) so stark lokal infiziert, dass eine systemische Infektion droht oder bereits vorliegt, sollte eine systemische antibiotische Therapie durchgeführt werden.

    Angesichts weiter steigender Resistenzen von MRSA und ESBL gegenüber diversen Antibiotika sollte keine leichtfertige und ggf. unpassende antibiotische Therapie erfolgen. Eine lokale Behandlung mit Antibiotika in der Wunde ist nicht mehr zeitgemäß und fördert Resistenzen. Die lokale Wundbehandlung sollte immer mit desinfizierenden Substanzen wie Polyhexanid, Octenidin oder NaOCl erfolgen.

    Eine systemische Antibiose erfolgt im Idealfall nach einem bereits durchgeführten Resistogramm. Sollte aus klinischen Gründen die Notwendigkeit gegeben sein, vor Erhalt des Resistogramms mit einer systemischen antibiotischen Therapie zu beginnen, ist es von großem Vorteil die Resistenzsituation im eigenen Umfeld/in der eigenen Klinik zu kennen. Entsprechende Statistiken werden von mikrobiologischen Instituten in der Regel jährlich erstellt.

    Infizierte Wunde, abdeckende Pasten vermeiden
    Die Anwendung abdeckender Pasten erschwert die Beurteilung der Infektion und sollte vermieden werden.
    Infizierte Wunde am Unterschenkel
    Kritisch kolonisierte bzw. infizierte Wunde am Unterschenkel.

    Mögliche Komplikationen

    Der Körper kann durch den Einsatz von antiseptischen Spüllösungen und Wundauflagen unterstützt werden. Nimmt die Bakterienzahl zu stark zu, kann sich die Entzündung auf das umliegende Gewebe ausbreiten. Hier wird von einer generalisierten Infektion bis hin zu einer Sepsis gesprochen. Dabei greifen die Bakterien über den Blutkreislauf alle Organe an und können zum Tod führen. Eine gezielte Behandlung mit Antibiotika ist in diesem Fall unerlässlich, um ein Organversagen zu verhindern. Die Sepsis ist ursächlich für eine Vielzahl von Todesfällen, besonders bei älteren und geschwächten Patienten.

    Wie kann eine Infektion verlaufen?

    In Abhängigkeit von der Grunderkrankung, dem Patientenalter und den Krankheitserregern, die für die Infektion verantwortlich sind, kommt es entweder zu einer vollständigen Abheilung ohne Funktionsstörungen oder zur Narbenbildung rund um die Wunde. Ist der Betroffene durch Vorerkrankungen stark vorgeschädigt und die antibiotische Therapie zeigt nicht die gewünschten Effekte, kann es durch Verbreitung des Krankheitserregers in Organe wie Herz, Niere oder Leber zu einem Multiorganversagen bis zum Tod kommen.

    Eine entzündete Wunde führt im leichtesten Fall zu einer Verzögerung der Wundheilung, bis der Körper die Infektion selber bekämpfen kann.

    Resistenzen bei Erregern von Wundinfektionen

    Methicillin- oder Oxacillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA oder ORSA)

    MRSA finden sich in ca. 25-30% aller klinisch relevanten S. aureus-Isolaten. Ihr Hauptreservoir ist der Nasen-Rachen-Raum. Übertragen werden sie über direkten Kontakt mit Händen, kontaminierten Flächen oder Tröpfchen beim Husten oder Niesen im Falle einer endotrachealen/endonasalen Besiedlung.

    Glykopeptid- oder Vancomycin-resistente Enterokokken (GRE oder VRE)

    Etwa 15% aller klinisch relevanten Enterokokken-Isolate sind GRE/VRE. Hauptreservoir ist der Gastrointestinal- oder Urogenitaltrakt des infizierten/kolonisierten Menschen. VRE/GRE können lange auch auf trockenen Kontaktflächen überleben. Besonders gefürchtet ist ein Plasmidtransfer von ESBL auf MRSA.

    Beta-Laktamase bildende Bakterien

    Sowohl gram-positive als auch gram-negative Bakterien können Beta-Laktamasen produzieren. Diese Enzyme inaktivieren die Beta-Laktam-Antibiotika und geben den Bakterien damit eine Resistenz gegen diese Antibiotika-Gruppe. Das Vorkommen in E. coli und Pseudomonas aeruginosa machen sie auch im Wundbereich zu einem Problem. Es wird zwischen Metallo- und Serin-Beta-Laktamasen (MBL, SBL) unterschieden, zusätzlich gibt es noch extended spectrum Beta-Laktamasen (ESBL), die durch weitere Mutationen Antibiotika inaktivieren und in einer Vielzahl von Bakterien vorkommen können.

    Vorbeugung

    Hygienemaßnahmen sind im Falle einer Wundkontamination oder Kolonisation das Mittel der Wahl.

    Oberste Priorität hat eine gründliche Händedesinfektion zur Vermeidung einer weiteren Übertragung und Ausbreitung des MRSE. Aktuelle Studien zeigen, dass eine gründliche Händedesinfektion, die Ausbreitung von MRSE deutlich reduzieren kann und hilft, Infektionsrisiken zu mindern und Versorgungskosten zu reduzieren.

    Neben den Händen sind auch Kontaktflächen des Patienten, medizinische Instrumente sowie persönliche Gegenstände mindestens einmal pro Tag zu reinigen. Hygieneartikel wie Zahnbürsten, Cremes etc. sollten entsorgt und ersetzt werden.

    Besondere Hygiene

    Zur Keimeliminierung des MRSE werden entsprechend der AWMF-Leitlinien für den Patienten selbst antiseptische und hygienische Maßnahmen wie folgt empfohlen:

    • Antiseptische Ganzkörperwaschung bzw. Ganzkörperbad inkl. Kopfhaar für 15 Minuten über mind. 3 Tage.
    • 3 mal pro Tag Mupirocin-Nasensalbe/antiseptische Präparate (z.B. Polyhexanid) über 5 Tage.
    • Täglicher Wechsel von Bett-, Körper- und Pflegewäsche nach antiseptischen Maßnahmen.
    • Antiseptische Reinigung der Gehörgänge.
    • Mund-Rachen-Spülung.

    Im häuslichen Bereich sollten Tiere zum Zeitpunkt des Verbandwechsel den Raum verlassen. Regelmäßige Wäsche von körpernaher Kleidung und Bettwäsche reduziert die Gefahr sich selbst zu kontaminieren.

    Literatur

    1. Dissemond, J. (2016): Besiedelung oder Infektion des chronischen Ulcus cruris: Aktuelles Keimspektrum und Resistenzlage. Vasomed, 28. Jahrgang, 5_2016, 237 - 238.
    2. Standards für die Diagnostik und Therapie chronischer Wunden, Stand 2020, Initiative chronische Wunde.
    3. Kramer, A., Assadian, O., Bohnert, J., Deaschlein, G., Dissemond, J., Gerber, V., Hinz, P., Junka, A., Kim, S., Papke, R., Willy, C. (2018): Consensus recommendation: Indications and methods for microbiological wound diagnostics. Wound Med 2018, 23:53-7.
    Die Autorin Dr. Roxane Lorenz
    Dr. Roxane Lorenz

    Nach ihrem Studium der Biologie an der Ruhr-Universität Bochum promovierte Dr. Lorenz zum Dr. rer. nat. Seit 2012 ist sie in der medizinisch-wissenschaftlichen Abteilung bei Dr. Ausbüttel tätig, seit 2018 auch als Leiterin dieser Abteilung sowie der Forschungsabteilung.