ABCDE-Regel: Leitfaden zur Diagnostik chronischer Wunden

ABCDE-Regel: Leitfaden zur Diagnostik chronischer Wunden

Die Basis für eine erfolgreiche, moderne Therapie von chronischen Wunden ist eine gute, strukturierte Diagnostik.

Die ABCDE-Regel dient dem Behandelnden dabei als Leitfaden zur individualisierten Diagnostik. Das bedeutet vor allem eine standardisierte Begutachtung nach vorgegebenen Regeln. Auf das kleine Ein-mal-Eins der ABCDE-Regel treffen wir nicht nur im Erste-Hilfe-Kurs. Auch bei der Ausbildung zum Rettungsassistenten dient eine ABCDE-Regel der systematischen Prioritäten geordneten Behandlung von Notfallpatienten. In Analogie dazu können sich Hautärzte an einer entsprechenden ABCDE-Regel entlanghangeln, um dem Hautkrebs auf die Spur zu kommen. Die Diagnostik und Therapie von chronischen Wunden, wie beispielsweise Dekubitus, diabetisches Fußsyndrom oder Ulcus cruris, können eine enorme Herausforderung für alle an der Behandlung Beteiligten darstellen.

Der Vorstand der Initiativen Chronischen Wunden (ICW) e. V. hat ein Verzeichnis für die Diagnostik von chronischen Wunden herausgegeben, welches Bezeichnungen, Begrifflichkeiten und Vorgehensweisen für die Diagnostik definiert, damit ein einheitlicher Standard verwendet werden kann.

Was steckt hinter den Buchstaben der ABCDE-Regel?

A – Anamnese

Die Anamnese ist der erste Schritt in Richtung gezielte Diagnostik. Der in der Medizin häufig vernachlässigte, aber sehr wichtige Teil ist die Aufarbeitung von Patienteninformationen. Die allgemeine Krankheitserhebung könnte wie folgt aussehen (kleiner Ausschnitt aus einem Fragenkatalog):

  • Seit wann besteht die Wunde?
  • Welche Therapien sind bisher erfolgt?
  • Gab es in der Vergangenheit Wundprobleme?
  • Welche Medikamente sind in der Vergangenheit eingenommen worden und welche werden aktuell verabreicht?
  • Wer hat die Wunde bisher versorgt?
  • Wie ist die Wunde bisher verbunden worden?
  • Was sagt der Patient selbst zur aktuellen Wundsituation?
  • Welche Problemsituationen hat der Patient im Alltag zu meistern?
  • Zeigen sich mögliche Infektions-, Schmerz-, neurologische bzw. die Gefäße betreffende Symptomatiken?
     

 B – Bakterien

Die Frage nach relevanten Bakterien ist sehr entscheidend für den Verlauf einer chronischen Wunde.

Bestehen Zeichen einer lokalen oder systemischen Infektion? Ist der Abstrich bei Erstkontakt sinnvoll? Ein Screening auf multiresistene Keime sollte aber in jedem Fall durchgeführt werden. Systemische Infektionen oder einer Gesamtverschlechterung der Wundsituation sind immer eine Indikation für einen Abstrich.
 

C – klinische Untersuchung

Zur klinischen Untersuchung gehört die Basisdiagnostik, die folgendes beinhalten sollte:

  • Wundinspektion (Lokalisation, Größe, Tiefe)
  • Wundrand
  • Wundumgebung
  • Hautstatus generell (z.B. ist eine Corona phlebectatica ein Hinweis auf eine CVI)
  • Fotodokumentation
  • Pulse tasten (Palpation)
  • Blutdruckmessung
  • Perkussion

„ABCDE“ steht für die englischen Begriffe

  • Anamnesis
  • Bacteria
  • Clinical examination
  • Defective vascular examination und
  • Extras.

D – Durchblutung

Die Durchblutungssituation ist sowohl arteriell als auch venös im Gefäßsystem abzuklären. Eine aussagekräftige und einfache, gut durchzuführende Messung in der Arztpraxis, ist der bekannte KADI (Knöchel-Arm-Druck-Index), im Englischen ABI genannt.

Weiterführende Diagnostik:

  • Arterien-Doppler-Sonografie
  • Duplexsonografie
  • Perfusions-Indexsonografie-Messung
     

E – Extras

Zusätzliche Untersuchungen (E = Extras) kommen dann zum Tragen, wenn mit der Basisdiagnostik die Genese der Wunde nicht eindeutig geklärt werden konnte. Hierbei denkt man vor allem an die Komorbiditäten, wie Diabetes mellitus, Vaskulitis, Ekzeme, Adipositas, Lipödeme und Lymphödeme, Faktor-V-Leiden und viele andere Krankheitsbilder.

Zu den zusätzlichen Untersuchungen gehören unter anderem:

  • Biopsie
  • Tumorausschluss
  • Allergologische Abklärungen
  • Polyneuropathie-Diagnostik
  • Verfeinerte Laboranalysen
Bestimmung des Knöchel-Arm-Druck-Index
Bestimmung des Knöchel-Arm-Druck-Index (KADI bzw. ABI)
Die Autorin Regina Freitag
Abbildung MFA

Regina Freitag ist Pharmazeutisch Technische Assistentin (PTA), Praxis- und Wundmanagerin sowie Wundexpertin ICW. Seit 2016 ist sie in der medizinisch-wissenschaftlichen Abteilung bei Dr. Ausbüttel tätig und betreut Fortbildungen im Bereich der modernen Wundversorgung.