Wundinfektionen im Sommer: Warum chronische Wunden bei Hitze besondere Aufmerksamkeit brauchen

Wundinfektionen im Sommer: Warum chronische Wunden bei Hitze besondere Aufmerksamkeit brauchen

Wenn Temperaturen steigen, können Wundmilieu und Umgebungshaut durch verschiedene Faktoren schneller belastet werden. Deshalb brauchen chronische Wunden im Sommer ein besonders aufmerksames Management.

Sommerhitze kann die Versorgung chronischer Wunden deutlich erschweren. Steigende Temperaturen, vermehrte Feuchtigkeit und eine dadurch veränderte mikrobielle Belastung können unter anderem Wundinfektionen und Wundheilungsstörungen begünstigen. 

Hinzu kommen alltagsnahe Sommerfaktoren: leichtere Kleidung schützt den Verband weniger zuverlässig vor Reibung und begünstigt das Ablösen der Wundauflage. So können Schmutz und Keime eher in die Wunde gelangen. Gleichzeitig kann vermehrtes Schwitzen zu übermäßiger Feuchtigkeit führen und so Mazerationen und das Keimwachstum fördern. Nicht zuletzt wird Kompression bei Hitze oft schlechter toleriert. Gerade in den warmen Monaten lohnt sich deshalb ein besonders genauer Blick auf Infektzeichen, Verbandhalt, Wundumgebung und Patientenedukation.

Was chronische Wunden im Sommer anfälliger machen kann

Bei chronischen Wunden können sommerliche Bedingungen die Wundversorgung auf mehreren Ebenen erschweren.

  • Feuchtigkeit und Schwitzen: Unter Verband, Kompression oder Kleidung entsteht schneller ein feuchtwarmes Mikroklima. Schweiß und Exsudat können die Wundumgebung aufweichen. Mazerierte Haut ist empfindlicher, kann leichter einreißen und verliert einen Teil ihrer Barrierefunktion.
  • Verrutschende Wundauflagen: Schweiß, Bewegung und Hitze können dazu führen, dass Wundauflagen schlechter haften und sich ablösen. Dadurch ist die Wunde weniger geschützt. Gleichzeitig können Schmutz, Wasser oder Keime leichter unter den Verband gelangen.
  • Exsudat: Bei Hitze können Wundauflagen durch Schweiß und Exsudat früher ihre Aufnahmekapazität erreichen. Wird das Wechselintervall nicht entsprechend angepasst, kann sich die Wundsituation durch übermäßige Feuchtigkeit verschlechtern. Zudem kann auslaufendes Exsudat Patienten und Patientinnen zusätzlich belasten. 
  • Weniger Schutz durch Kleidung: Kurze Hosen, Röcke, offene Schuhe oder ärmellose Kleidung können dazu führen, dass Wundauflagen frei liegen und Umwelteinflüssen sowie Reibung ausgesetzt sind. 
  • Adhärenzprobleme bei Kompression: Gerade Patientinnen und Patienten mit Ulcus cruris venosum oder Ödemen empfinden Kompressionsstrümpfe oder -verbände im Sommer oft als belastend. Wird Kompression eigenmächtig reduziert oder weggelassen, können Schwellungen wieder zunehmen. Dadurch kann sich die Wundsituation verschlechtern.

Verbandmanagement: nicht stärker kleben, sondern besser schützen

Bei Hitze sollte die Verbandfixierung nicht einfach stärker kleben, sondern sicher halten und die Haut möglichst schonen.

Bei Hitze ist die Versuchung groß, stärker haftende Materialien einzusetzen, damit der Verband trotz Schweiß und Bewegung hält. Das ist nicht immer sinnvoll. Zu stark klebende Fixierungen können fragile Haut schädigen, Juckreiz auslösen oder beim Entfernen zusätzliche Traumata verursachen. Besser ist ein individuelles Verbandkonzept, bei dem die Fixierung an den Hautzustand, die Schweiß- und Exsudatmenge sowie die Mobilität des Patienten oder der Patientin abgestimmt wird. Atmungsaktive elastische Fixierbinden können beispielsweise verwendet werden, um eine Wundauflage ohne Klebstoffe zu fixieren. Sind Patientinnen oder Patienten viel in Bewegung, kann eine gewickelte Fixierung unter Umständen verrutschen. Ein atmungsaktives Fixiervlies kann hier das Abdampfen überschüssiger Feuchtigkeit begünstigen und so länger halten.  

Wundgeruch, Exsudat und Verbandkontrolle bei Hitze

Wundgeruch kann sich im Sommer verstärken oder schneller auffallen.

Wundgeruch kann im Sommer besonders belastend sein, weil übermäßige Wärme, zu feuchte Wundauflagen und vermehrtes Exsudat dazu führen können, dass Gerüche schneller auftreten. Auch wenn ein veränderter oder stärkerer Geruch auf eine Wundinfektion deuten kann, ist er jedoch kein alleiniger Beweis. Ein veränderter oder stärkerer Geruch sollte aber in jedem Fall ernstgenommen und in Hinblick auf eine mögliche Infektion untersucht werden. , 

Hitze allein ist keine Indikation für häufigere Antiseptik oder routinemäßig kürzere Verbandwechselintervalle. Auch im Sommer gilt, dass die Verbandwechselintervalle an die entsprechende Wundsituation angepasst werden. Bei jedem Verbandwechsel sollten Wunde und Wundumgebung fachgerecht gereinigt und beurteilt werden. Ist die Wunde infektverdächtig, sollte ermittelt werden, ob eine antimikrobielle Versorgung indiziert ist.

Baden, Meerwasser und offene Wunden

Offene Wunden sollten bei Meer-, See- oder Schwimmbadwasser konsequent geschützt und nach Wasserkontakt kontrolliert werden.

Ein eigener Sommeraspekt sind wasserassoziierte Infektionen. Bei Meerwassertemperaturen über 20 °C können sich Keime wie die Nicht-Cholera-Vibrionen stärker vermehren. Diese gramnegativen Bakterien kommen vor allem in warmen Brack- und Meerwasserbereichen vor, etwa an Nord- und Ostseeküsten. Über offene Wunden oder kleine Hautverletzungen können sie in den Körper gelangen und Wund- oder Weichteilinfektionen auslösen.

Besonders gefährdet sind Menschen mit Vorerkrankungen wie Immunschwäche, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mellitus. Bei ihnen sind schwere Verläufe mit Nekrosen oder Sepsis möglich. Treten nach Meerwasserkontakt Rötung, Schwellung, Schmerzen, Blasenbildung oder andere Zeichen einer Haut- oder Wundinfektion auf, sollte zeitnah ärztlicher Rat eingeholt und der Meer- oder Seewasserkontakt aktiv erwähnt werden. Offene Wunden sollten grundsätzlich nicht mit Meerwasser in Kontakt kommen.

Für die Patientenedukation bedeutet das: Mit offener Wunde sollte Baden im Meer, See oder Schwimmbad nur nach Rücksprache und mit entsprechenden Vorkehrungen zum Schutz der Wunde erfolgen. Wird ein Verband nass, verschmutzt oder ist undicht, muss er in der Regel gewechselt werden.

Sommer-Check für chronische Wunden

Für Praxen, Pflege und Patientinnen und Patienten kann ein kurzer Sommer-Check helfen:

  • Täglich prüfen: Sitzt der Verband noch? Sind Ränder gelöst? Ist der Verband feucht, verschmutzt oder durch Exsudat gesättigt?
  • Wundumgebung beobachten: Gibt es Mazeration, Rötung, Juckreiz, Kratzspuren oder neue Hautläsionen?
  • Kompression besprechen: Wird sie trotz Hitze getragen? Gibt es Probleme mit Schwitzen, Druck oder Tragekomfort?
  • Aktivitäten planen: Gartenarbeit, Spaziergänge, Reisen und Baden vorher besprechen. Wunde stets vor Schmutz, Sand, Insekten und Wasser schützen.
  • Warnzeichen ernst nehmen: Zunehmender Schmerz, Rötung, Überwärmung, Schwellung, Eiter, übler Geruch, Blasenbildung oder Fieber sollten zeitnah abgeklärt werden.
Wundinfektion erkennenWelche Zeichen sind im Sommer wichtig?

Nicht jede Rötung, jedes Nässen oder jeder Geruch deutet automatisch auf eine Infektion. Hinweise auf eine lokale Wundinfektion sind unter anderem zunehmende Rötung, Überwärmung, Schwellung, neuer oder stärkerer Schmerz, stagnierende Wundheilung sowie eine Zunahme oder Veränderung von Farbe, Konsistenz oder Geruch des Exsudats. Freier Eiter, deutliche Verschlechterung oder systemische Zeichen wie Fieber, Schüttelfrost oder allgemeines Krankheitsgefühl sollten zeitnah ärztlich abgeklärt werden.

Der TILI-Score 2.0 ist ein validiertes und einfach anwendbares Diagnoseinstrument für das frühzeitige Erkennen und effiziente Behandeln einer lokalen Wundinfektion.

Warum Wärme Wundinfektionen begünstigen kann

Sommerliche Hitze, Feuchtigkeit und Schwitzen können das empfindliche Gleichgewicht der Wundheilung stören und damit das Risiko für Wundinfektionen und Wundheilungsstörungen erhöhen.

Eine Wundinfektion entsteht nicht allein durch die Anwesenheit von Keimen, sondern durch ein Ungleichgewicht zwischen mikrobieller Belastung, Immunabwehr, Haut- und Wundbarriere, Wundmilieu und Versorgungssituation. Hitze, Feuchtigkeit und Schwitzen können dieses Gleichgewicht im Sommer zusätzlich beeinträchtigen. Dadurch steigt das Risiko, dass Wundinfektionen häufiger auftreten oder schneller übersehen werden.

Gut belegt ist dieser Zusammenhang vor allem für postoperative Wundinfektionen. Sie treten innerhalb von 30 bis 90 Tagen nach einem chirurgischen Eingriff auf und gehören zu den häufigsten nosokomialen Infektionsarten (Krankenhausinfektionen). Typische Zeichen sind Schmerz, Schwellung, Rötung, Überwärmung und eitrige Sekretion im Bereich der Wunde. Verursacht werden sie meist durch bakterielle Erreger, die aus der Umgebung, dem Hautmikrobiom oder durch Verschmutzungen in die Wunde gelangen können. 

Eine Auswertung deutscher Daten aus dem Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) zeigte: Postoperative Wundinfektionen traten nach Eingriffen in Monaten mit Temperaturen ab 20 °C häufiger auf als in Monaten mit Temperaturen unter 5 °C. Grundlage waren mehr als 32.000 postoperative Wundinfektionen aus den Jahren 2000 bis 2016, verknüpft mit meteorologischen Daten des Deutschen Wetterdienstes. Mit jedem Grad Temperaturanstieg nahm das Risiko für eine postoperative Wundinfektion um etwa 1 % zu. 

Auch eine US-amerikanische Untersuchung stützt diesen Zusammenhang. In Daten aus 4.532 Kliniken wurden zwischen 1998 und 2011 insgesamt 235.969 postoperative Wundinfektionen mit über 55 Millionen Kontrollpatienten verglichen. Im August lag die Zahl postoperativer Wundinfektionen im Mittel um 27 % höher als im Januar; in einem besonders warmen August wurde sogar ein Anstieg um 56 % beschrieben. 

Literatur

Thema: Hitze, Sommer, Wunden