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Wundnähte

Inhaltsverzeichnis

Größere Verletzungen der Haut, insbesondere bei akuten Wunden, heilen ohne Unterstützung oft nur sehr langsam ab. Deshalb werden sie häufig genäht. Bei dieser chirurgischen Technik liegen zusammengehörige Wundschichten spannungsfrei aneinander und können so schneller verheilen.

Oberflächliche Wunden heilen in der Regel von allein. Wenn die Verletzung aber die unteren Hautschichten erreicht, kann die Wundheilung mitunter langwierig sein und zu unschönen Narben führen. Deshalb sollten Wunden, die stark bluten oder deren Ränder auseinanderklaffen, künstlich geschlossen werden. Üblicherweise werden die Wunden genäht, in manchen Fällen geklebt oder geklammert. Korrekt spricht man von einem Wundverschluss, der definiert ist als „Wiedervereinigung traumatisch getrennter Weichteile (Wundränder)“.

Primäre und sekundäre Wundversorgung

Wird die Wunde innerhalb eines Zeitraums von bis zu sechs Stunden nach der Verletzung versorgt, spricht man von einer primären Wundversorgung. Die offene Verletzung wird durch Naht, Klammer, Gewebekleber oder Pflaster verschlossen. Den Rest erledigen im Normalfall die körpereigenen Regenerationsmechanismen.

Eine infizierte Wunde oder eine Verletzung, die seit einigen Wochen oder Monaten besteht, kann nicht mit Maßnahmen der primären Wundbehandlung versorgt werden. Das liegt daran, dass sich in der Wunde bereits Krankheitserreger befinden. Die betroffene Wunde wird zunächst offen behandelt und regelmäßig fachgerecht gesäubert. Erst wenn die Wunde keine Verunreinigungen mehr aufweist, kann sie verschlossen werden. Von einer „verzögerten Primärnaht“ spricht man bei einem Verschluss der Wunde in der Granulationsphase, zwischen dem vierten und siebten Tag nach der Verletzung.

Als sekundäre Wundversorgung bezeichnet man den Verschluss einer alten Wunde, bei der man die Wundränder eröffnet und dann wieder sauber verschließt. Das gilt auch für chronische Wunden, wie sie etwa bei Diabetespatienten auftreten können.

Checkliste Wundversorgung

  • OP-Set (Skalpell, Fadenschere, Nadelhalter, chirurgische und anatomische Pinzette)
  • Steriles Nahtmaterial, evtl. resorbierbares Nahtmaterial (z. B. Vicryl® oder Dexon®)
  • Steriles Abdecktuch
  • Sterile Kompressen und Tupfer in verschiedenen Größen
  • Desinfektionsspray, sterile Kochsalzlösung zur Wundreinigung
  • Ggf. Schere zum Kürzen der Haare

(Quelle: Klein R. MMW Fortschr Med 2016 (9): 56-59)

Vorgehensweise beim Nähen

In einem ersten Schritt erfolgt die Wundanamnese. Es wird beurteilt, wie Wundrand und Wundumgebungshaut aussehen, welche Größe und Tiefe die Wunde aufweist und wie die Wunde entstanden ist. Bei der Beurteilung der Wunde fließen neben der Lokalisation, der Wundtiefe und möglichen Fremdkörpern auch die Umstände des Unfallhergangs mit ein. So kann eingeschätzt werden, ob ggf. auch Strukturen wie Sehnen, Nerven oder Gefäße betroffen sind. Nach Abschluss der Wundbeurteilung werden die Befunde dokumentiert.

Eine sorgfältige Wundspülung entfernt Verunreinigungen, senkt das Infektionsrisiko und schafft die Voraussetzung für eine ausführliche Wundinspektion. Wegen des hohen Komplikationspotenzials dürfen Spüllösungen generell nicht unter Druck appliziert werden und aufgrund ihrer zytotoxischen Wirkungen sollten keine Desinfektionsmittel verwendet werden. Stattdessen werden 0,9%ige Kochsalzlösung oder Wasser zur Wundreinigung empfohlen.

Kontaminierte Wunden können mit wässriger (1%iger) Povidon-Jod-Lösung oder Polihexanid gespült werden. Auf keinen Fall sollten unverdünnte 10%-ige Povidon-Jod-Lösung, Octenisept® oder andere Hautdesinfektionsmittel für die Wundspülung benutzt werden. Diese dürfen nicht in Wundhöhlen verbleiben.

Steht fest, dass die Wunde versorgt werden muss, hat sich folgendes Vorgehen bewährt:

  • Herrichten der Instrumente und Materialien (siehe Checkliste) sowie einer sterilen Arbeitsfläche mit aufgestellten Abfallbehältern. Diese verhindern, dass potenziell infektiöses Material über den gesamten Behandlungsbereich verteilt wird.
  • Die Hautdesinfektion sollte möglichst als Wischdesinfektion durchgeführt werden, da so eine satte Benetzung der Haut sichergestellt wird. Die Desinfektion erfolgt von der Wunde weg nach außen. Gefärbtes Desinfektionsmittel erlaubt eine bessere Kontrolle.
  • Bei groben Verschmutzungen müssen zunächst Fremdkörper mit einer Pinzette entfernt werden.
  • Im Anschluss wird die Wunde von einem Arzt genäht (mehr zu Nahttechniken weiter unten).
  • Im Anschluss erfolgt die Wundversorgung mit geeigneten Verbandstoffen.

Schmerzen lindern

Das Nähen von Wunden kann unter Umständen sehr schmerzhaft sein. Eine lokale Betäubung der betroffenen Körperstelle gehört deshalb zur Grundversorgung. Bei oberflächlichen Verletzungen kann hierzu ein Vereisungsspray verwendet werden. In den meisten Fällen ist allerdings ein Lokalanästhetikum erforderlich – etwa 2%iges Lidocain-Gel, das mithilfe einer Mullkompresse direkt auf die Wunde aufgetragen wird. Die Wirkung setzt nach ungefähr fünf Minuten ein und hält etwa eine halbe Stunde lang an. Eine Alternative ist die sogenannte EMLA-Creme (EMLA = „eutetic mixture of local anesthetics“), die dünn auf die betroffene Stelle aufgetragen wird. Hier ist aber eine längere Einwirkzeit vor der Behandlung zu beachten.

Bei tieferen Wunden wird das Lokalanästhetikum intra- oder subdermal injiziert. Die Einwirkzeit beträgt in diesem Fall ca. fünf bis zehn Minuten. Das Lokalanästhetikum kann auch direkt durch die freiliegenden Wundränder injiziert werden.

Nadel und Faden

Die Wahl der passenden Nadel ist für die optimale Wundversorgung entscheidend. Schneidende Nadeln werden verwendet, wenn der zu versorgende Hautbereich relativ dick ist, etwa bei der Hornhaut auf dem Fußballen. Stumpfe Nadeln mit abgerundeten Spitzen kommen bei empfindlichem Gewebe zum Einsatz.

Bei den Fäden unterscheidet man mono- und polyfile Fäden. Monofile Fäden haben eine glatte Oberfläche und schonen das Gewebe, der Knoten sitzt jedoch relativ schwach. Polyfile Fäden aus mehreren Einzelfäden können das Gewebe leichter schädigen, führen aber zu festeren Knoten, die besser halten.

Am häufigsten werde Fäden genommen, die nicht resorbierbar sind und für mindestens 60 Tage ihre Zugfestigkeit behalten. Sie werden gerne für die Naht von oberflächlichen Wunden in Belastungszonen verwendet. Nach Abschluss des Heilungsprozesses werden sie wieder entfernt, das sog. „Fäden ziehen“. Bei tiefen Gewebeverletzungen in gut durchbluteten Bereichen werden resorbierbare Fäden bevorzugt. Die für Hautwunden verwendeten Fäden haben nach ca. fünf Tagen noch 50 Prozent ihrer ursprünglichen Festigkeit (Resorptionszeit) und lösen sich nach ca. 40 Tagen vollständig auf (Auflösezeit).

Nahttechniken

Für Hautverletzungen werden zwei Nahttechniken empfohlen: die einfache Knopfnaht und die Rückstichnaht nach Donati.

Oberflächliche Hautwunden werden in der Regel mithilfe der Einzelknopfnaht versorgt. Sie beeinträchtigt die Durchblutung der Wunde am wenigsten. Rückstichnähte sind reißfester und werden deshalb bevorzugt, wenn die entsprechende Hautregion hoher Zugbelastung ausgesetzt ist.

Je nach Wundlokalisation unterscheidet sich der Abstand zwischen den Einzelknopfnähten bzw. vom Wundrand. Der Abstand vom Wundrand sollte die Hälfte des Abstands zwischen den Nähten betragen. Zudem müssen die Wundränder spannungsfrei verbunden werden, damit sie zügig und ohne Narbenbildung verheilen können.

Alternativen zum Nähen

Für das Verschließen einer Wunde gibt es eine Reihe von Alternativen, die in der Praxis auch häufig zur Anwendung kommen. Allerdings erreicht keines dieser Verfahren die breite Anwendbarkeit und Vielfalt des Nähens.

  • Das Klammern (Klammernaht) ist deutlich schneller und damit auch günstiger als das Nähen. Zudem besteht kein Risiko für Nadelstichverletzung. Nachteilig ist der weniger sorgfältige Wundverschluss, der zu einer verstärkten Narbenbildung führen kann
  • Noch schneller und günstiger sind Gewebekleber, die zudem den Vorteil haben, dass sie anschließend nicht wieder entfernt werden müssen. Sie haben aber deutlich weniger Zugfestigkeit und können daher nicht überall eingesetzt werden.
  • Wundnahtstreifen sind ebenfalls schnell und günstig einsetzbar, allerdings nicht im Bereich von behaarten Körperpartien. Außerdem kann es passieren, dass sie abfallen.

Infektionsprophylaxe

In einigen Fällen ist zusätzlich eine Infektionsprophylaxe angezeigt, etwa bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem. Auch komplexe Wunden, die z.B. keinen geraden Schnitt aufweisen, und Wunden mit mehr als fünf Zentimeter Wundlänge gehen mit einem erhöhten Infektionsrisiko einher. Eine prophylaktische Antibiotikatherapie wird empfohlen bei:

  • stark kontaminierten Wunden,
  • erheblicher Gewebeschädigung,
  • Wunden im Mundbereich (intraoral).

Bei einem Patienten mit offener Wunde muss unbedingt nach dem Status der Tetanusimmunisierung gefragt werden. Liegt die letzte Impfung zwischen 5 und 10 Jahre zurück, so sollte eine Auffrischung erfolgen. Ist die letzte Impfung mehr als 10 Jahre her, wird eine komplette Neuimmunisierung mit zusätzlicher passiver Prophylaxe empfohlen.

Erfahren Sie mehr zum Thema Impfung

Nachsorge

Die Nachsorge genähter Wunden unterscheidet sich von Patienten zu Patienten. Sie hängt davon ab, an welcher Körperstelle sich die Wunde befindet, wie sie versorgt wurde und wie der Allgemeinzustand des Patienten ist. Vor allem bei Patienten mit einem geschwächten Immunsystem kann die Wundheilung problematisch sein und sollte regelmäßig kontrolliert werden. Bei schmerzhaften Verletzungen ist darauf zu achten, dass der Patient ausreichend mit Schmerzmitteln versorgt wird.

Patienten müssen auch zum Thema Körperpflege und Umgang mit Wasser instruiert werden. Die Ränder unkomplizierter Wunden sind in der Regel spätestens nach 48 Stunden so miteinander verwachsen, dass ein kurzer Kontakt mit Wasser möglich ist. Duschen ist daher nach zwei Tagen wieder erlaubt. Als zusätzlichen Schutz der Wunden können beim Duschen wasserfeste Pflaster verwendet werden. Vollbäder sollten erst wieder nach vollständigem Abheilen der Wunde genommen werden.

Wann die Fäden wieder entfernt werden, variiert je nach betroffener Körperregion. Der Zeitpunkt ist zum einen abhängig vom Heilungsprozess – gut durchblutete Hautpartien heilen schneller – und zum anderen von der mechanischen Belastung der Körperstelle. Empfohlen werden folgende Zeiträume für das Ziehen der Fäden: Gesicht und Hals nach 2 bis 5 Tagen; Brust, Arme und Beine nach 7 bis 10 Tagen; Kopf, Rücken, Hände und Füße nach 10 bis14 Tagen.

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Autorin Dr. Roxane Lorenz

Die Autorin

Dr. Roxane Lorenz

Nach ihrem Studium der Biologie an der Ruhr-Universität Bochum promovierte Dr. Lorenz zum Dr. rer. nat. Seit 2012 ist sie in der medizinisch-wissenschaftlichen Abteilung bei Dr. Ausbüttel tätig, seit 2018 auch als Leiterin dieser Abteilung sowie der Forschungsabteilung.

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