Interview mit Pflegewissenschaftlerin Prof. Zegelin: „Jede Chance zur Bewegungsförderung nutzen“

Interview mit Pflegewissenschaftlerin Prof. Zegelin: „Jede Chance zur Bewegungsförderung nutzen“

Bewegung ist zentral – gerade für Menschen mit Pflegebedarf. Das ist zwar bekannt, geht im Pflegealltag trotzdem häufig unter. Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin gibt Tipps, wie sich das ändern lässt. 

Frau Professorin Zegelin, warum ist Bewegungsförderung für pflegebedürftige Menschen so wichtig?

Angelika Zegelin: Gerade im Alter bauen Muskeln sehr schnell ab. Werden alte Menschen nicht in ihrer Bewegung gefördert, nimmt ihre Gehfähigkeit innerhalb von ein bis zwei Tagen ab und sie werden oft in kürzester Zeit pflegeabhängig. Häufig reicht schon ein kurzer Aufenthalt im Krankenhaus, und die Leute können nach einer Woche nicht mehr laufen. In vielen Fällen führt das dazu, dass Menschen in ein Pflegeheim kommen oder – wenn sie schon im Pflegeheim sind – ihre Selbstständigkeit weiter verlieren und nur noch im Stuhl oder Rollstuhl sitzen.

Die Bewegungsfähigkeit ist zentral für die Unabhängigkeit und das Selbstbewusstsein von Menschen. Sie muss so gut wie möglich gefördert werden.

Warum scheitert die Bewegungsförderung im Pflegealltag trotzdem häufig?

Bewegungsförderung benötigt Zeit, man muss Patienten und Bewohner dabei begleiten. Durch den Personalmangel ist diese Zeit meist nicht gegeben. In der ambulanten Pflege lässt sich Bewegungsförderung auch gar nicht abrechnen. Und im Pflegeheim wird die Bewegung oft noch nicht als primär pflegerische Aufgabe gesehen.

Hinzu kommt: Die meisten alten Menschen fordern eine Bewegungsförderung nicht ein. Sie wollen keine Arbeit machen und wissen in der Regel auch nicht, wie schnell Muskeln abbauen. Unter den momentanen Bedingungen braucht es eine hohe Motivation der Pflegekräfte – und damit meine ich Fachpflegende wie auch Hilfspersonen –, um Menschen ausreichend in ihrer Bewegung zu fördern. Dazu müssten sie zum Beispiel mehrmals am Tag kürzere Strecken mit ihnen gehen – sofern das den Betroffenen körperlich möglich ist. Aber auch für bettlägerige Menschen gibt es viele Bewegungsübungen, die den Muskelerhalt bzw. -aufbau fördern.
 

Welche Übungen empfehlen Sie für bettlägerige Menschen?

Sie können ihre Füße kreisen, die Beine anziehen, mit den Armen rudern oder auch leichtere Gewichte mit den Armen wechselweise hochhalten. Das müssen keine echten Gewichte sein, es reichen gefüllte Wasserflaschen oder Säcke mit Sand. Das lässt sich sehr schön mit Musik oder Fantasieübungen verbinden. Wenn es den pflegebedürftigen Menschen möglich ist, können sie sich an die Bettkante setzen und wieder hinlegen. Oder sie machen Übungen mit einem Bettfahrrad oder Terraband. Das alles muss aber angeleitet und begleitet werden und kostet somit Zeit.
 

Sie empfehlen das sogenannte 3-Schritte-Programm. Was ist damit gemeint?

Beim 3-Schritte-Programm werden im Rollstuhl sitzende Menschen unterstützt, bei allen ohnehin notwendigen Transfers die letzten Schritte mit Unterstützung zu gehen. Diese Methode eignet sich für sehr viele immobile Menschen, damit sie überhaupt mal wieder stehen oder ein paar Schritte gehen.

Gerade Toilettengänge lassen sich darüber gut fördern. Denn die Motivation, zur Toilette zu gehen, ist bei den Betroffenen sehr hoch und ein ganz wichtiger Marker für die Selbstständigkeit. Überhaupt sollte man bei der täglichen Pflege jede Chance zur Bewegungsförderung nutzen.
 

Wie kann das aussehen?

Wichtig ist eine aktivierende Pflege, bei der sich pflegebedürftige Menschen zum Beispiel selbst das Gesicht oder den Oberkörper waschen. Alles, was sie selbst durchführen können, sollten sie auch selbstständig bzw. unter Anleitung übernehmen. Das dauert in der Regel zwar länger, geht aber automatisch mit Bewegung einher.

Eine weitere Möglichkeit: Wenn ich mit einem Bewohner ohnehin zum Waschbecken gehe, drehe ich zum Beispiel einfach noch eine zusätzliche Runde durchs Zimmer. Oder wenn ich den Beutel mit Sondenkost anhänge, kann ich den Bewohner gleichzeitig bitten, mal die Arme an die Decke zu strecken oder die Füße kreisen zu lassen. Bei allen pflegerischen Tätigkeiten, die ich ohnehin erledige, sollte ich gleichzeitig eine Bewegungsförderung initiieren.
 

Gibt es für Pflegekräfte Möglichkeiten, Bewegung ohne zusätzlichen Zeitaufwand zu fördern?

Ja, sie können zum Beispiel den Angehörigen zeigen, wie sie die pflegebedürftige Person zu Bewegung ermutigen oder sie auch ganz praktisch aus dem Bett setzen können. Im Pflegeheim lassen sich auch Betreuungskräfte und ehrenamtliche Helfer einbinden. Aber auch diese müssen zunächst angeleitet werden. Beim behandelnden Arzt können Fachpflegende darauf drängen, dass mehr Physiotherapie verordnet wird.

Und sie können bei ihren eigenen pflegerischen Tätigkeiten überlegen: Welche davon lassen sich reduzieren oder verschieben? Ich könnte zum Beispiel überlegen, heute nur eine Katzenwäsche zu machen und die gewonnene Zeit für eine Bewegungsförderung zu nutzen. Schließlich hat es deutlich schwerwiegendere Folgen, wenn ich eine immobile Person einen Tag nicht bewege als einen Tag nicht wasche.
 

Was sind häufige Fehler, die bei der Bewegungsförderung gemacht werden?

Alles, was die Bewegung fördert, ist zunächst positiv zu bewerten. Schlecht ist jedoch, wenn Bewohner einfach in den Rollstuhl gesetzt werden und dort den ganzen Tag verbringen. Dabei handelt es sich nicht um Bewegungsförderung, es scheint vielmehr darum zu gehen, tagsüber keine Transfers mehr durchführen und nur noch den Rollstuhl bewegen zu müssen.

Ungünstig ist auch, dass im Pflegeheim fast alle Dinge – vom Essen bis zu den Medikamenten – an die Bewohner herangetragen werden. Zu Hause sind die Menschen gefordert, selbst zur Toilette, zum Kühlschrank oder zum Postkasten zu gehen. Im Heim entfallen diese vielen kleinen Gänge. Der Service-Gedanke von Pflegeeinrichtungen ist im Hinblick auf die Bewegungsförderung schädlich.

Interview mitDr. Angelika Zegelin
Dr Zegelin Angelika

Dr. Angelika Zegelin ist pensionierte Professorin und Pflegewissenschaftlerin der Universität Witten/Herdecke. Sie hat in ihrer Dissertation zum Thema Bettlägerigkeit geforscht und beschäftigt sich seitdem mit dem Thema Bewegungsförderung.

Wie ließe sich das ändern?

Indem Pflegekräfte den Bewohnern zum Beispiel sinnvolle kleine Aufgaben übertragen, wie ihre Blumen im Zimmer selbst zu gießen, Wäsche zusammenzufalten oder Kartoffeln zu schälen. Bewegung kann anstrengend sein und Schmerzen verursachen. Es ist daher wichtig, gute und sinnvolle Gelegenheiten zu schaffen, die alten Menschen Freude machen und gleichzeitig ihre Bewegung fördern. Was das ist, kann individuell sehr unterschiedlich sein.

Sehr wichtig ist auch, dass Menschen bei der Bewegungsförderung freundlich unterstützt werden. Oft haben sie Angst beim Aufstehen oder Gehen und brauchen besonders viel Ruhe und Ermutigung.
 

Was würden Sie sich beim Thema Bewegungsförderung in der Pflege noch wünschen?

Bewegung ist für mich die zentrale Lebensaktivität, von der viele weitere abhängen. Sie ist zentral für die Stimmung, die Kommunikation, das Denken. Vor allem Denken und Bewegen hängen eng zusammen, und Studien deuten darauf hin, dass Immobilität zu einem kognitiven Abbau führt. Diese Zusammenhänge sollten allen Pflegekräften klar sein. Die Zeit, in der Menschen in ihrer Bewegung gefördert werden, ist mehr als sinnvoll investiert.

Bewegungsförderung, Patientin mit Pflegekraft