Transkulturelle Pflege: So kann eine kultursensible Betreuung gelingen

Transkulturelle Pflege: So kann eine kultursensible Betreuung gelingen

Wer Menschen aus einem anderen Kulturkreis pflegt, hat nicht nur mit Sprachproblemen, sondern oft auch mit kulturellen Missverständnissen zu tun. Was braucht es, um kultursensibel zu pflegen?

Schon von Weitem hört man Lachen und fröhliche Stimmen. Im Wohnbereich Waldsee sitzen Frauen und Männer um einen Tisch und spielen Rommé. Etwas abseits sitzt Ismail Duran (Name geändert). Der 83-Jährige ist an Demenz erkrankt und erst vor wenigen Wochen ins Heim gekommen. Seine Frau ist vor zwei Jahren verstorben. Noch redet Herr Duran kaum mit den anderen Mitbewohnern und Pflegekräften. Meist sitzt er traurig am Fenster und blickt nach draußen. Bei den Mahlzeiten isst er nur wenig und an den Beschäftigungsangeboten möchte er nicht teilnehmen. Die Pflegekräfte sind ratlos. Nur wenn seine beiden Söhne und Enkel zu Besuch kommen, lebt er etwas auf, lacht und kommt ins Erzählen. 

Herr Duran ist in den 1960er Jahren als sogenannter Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Er ist einer von rund 23,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland – das sind mehr als ein Viertel der Bevölkerung (Zahlen von 2022).1 Von einem Migrationshintergrund spricht man, wenn eine Person selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Dabei können diese Menschen selbst eingewandert oder auch in Deutschland geboren sein.2 Laut dem Statistischen Bundesamt waren 2022 mehr als 2,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund 65 Jahre und älter.1

Transkulturell pflegen – was bedeutet das?

Ob in der ambulanten Pflege, im Pflegeheim oder Krankenhaus – Pflegekräfte haben häufig mit Menschen mit Migrationshintergrund zu tun. Um sie bedürfnis- und situationsgerecht pflegen zu können, brauchen sie eine hohe transkulturelle Kompetenz und die Bereitschaft, sich auf unterschiedliche Kulturen einzulassen. 

Oft wird in diesem Zusammenhang von „Transkultureller Pflege“ gesprochen. Madeleine Leininger, US-amerikanische Professorin im Bereich Pflege, hat diesen Begriff in den 1950er Jahren geprägt. Sie hatte als Pflegende mit Kindern mit Migrationshintergrund gearbeitet und dabei festgestellt, dass das Verhalten und die Bedürfnisse von afrikanischen, jüdischen und anderen Kindern fremder Kulturen anders sind als die von weißen US-amerikanischen Kindern. Leininger studierte anschließend Ethnologie und veröffentlichte viele Artikel und Bücher zur „Transkulturellen Pflege". Sie schlussfolgerte, dass Pflege nur dann effektiv und erfolgreich erbracht werden kann, wenn sie den spezifischen kulturellen Hintergrund der individuellen Person berücksichtigt. Dafür brauche es entsprechendes Wissen über kulturspezifische Werte und Ausdrucksformen der Fürsorge.3,4

In den 1980er-Jahren fasste Leininger ihre Erkenntnisse im „Sunrise-Modell“ neu zusammen. Dieses gibt auch einen Überblick über die verschiedenen Einflussfaktoren, die untereinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen (soziale, kulturelle, politische, ökonomische, bildungsbedingte, technologische und religiöse Aspekte).3 

Leiningers Modell der „Transkulturellen Pflege" ist – gerade im amerikanischen Raum – nach wie vor verbreitet. Es gibt aber auch Kritik. Kritisiert wird vor allem, dass mit dem Modell Stereotypen und Generalisierungen von Kulturgruppen gefördert werden. Es bestehe die Gefahr, dass Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen überbetont werden, während Unterschiede innerhalb ethnischer Gruppen ignoriert würden.3 

Um Menschen mit Migrationshintergrund bedürfnis- und situationsgerecht pflegen zu können, brauchen Pflegekräfte eine hohe transkulturelle Kompetenz und die Bereitschaft, sich auf unterschiedliche Kulturen einzulassen. 

Migration und Gesundheit

Menschen mit Migrationshintergrund sind eine sehr heterogene Gruppe. Das erschwert es, allgemeine Aussagen über ihre Gesundheit und typische Erkrankungen zu treffen. Manche leben schon seit vielen Jahren in Deutschland und sind sehr gut integriert, andere haben Diskriminierung oder Fluchterfahrungen hinter sich. Letzteres hat oftmals Folgen für die psychische Gesundheit. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ist bei Menschen, die aus Krisengebieten geflohen sind, die Rate der Posttraumatischen Belastungsstörungen zum Beispiel bis um das Zehnfache erhöht.5

Unterschiedlich ist auch, ob und inwieweit Leistungen des medizinischen und pflegerischen Versorgungssystems in Anspruch genommen werden. Menschen mit Fluchterfahrung suchen zum Beispiel häufiger Rettungsstellen als Haus- oder Fachärzte auf. Denn nach dem Asylbewerberleistungsgesetz ist in den ersten 18 Monaten nach Einreise ausschließlich medizinische Notfallversorgung vorgesehen.6 Tritt ein Pflegefall in der Familie auf, zum Beispiel durch Demenz, greifen Menschen mit Migrationshintergrund generell seltener auf ambulante Pflegedienste zurück. Noch stärker unterrepräsentiert sind sie in der stationären Versorgung in Pflege- und Altersheimen.7 

In manchen europäischen Ländern erkranken Menschen mit Migrationshintergrund eher an Demenz – hier gibt es europaweit jedoch Unterschiede. Teilweise sind sie häufiger von Diabetes, Bluthochdruck oder Herzkreislauferkrankungen betroffen. Mögliche Ursachen: andere Ernährungsgewohnheiten, Stress und psychische Belastung als Folge von Migrations- und Diskriminierungserfahrungen. Oft haben Menschen mit Migrationshintergrund ein geringeres Einkommen und einen niedrigeren sozialen Status – das alles sind Belastungs- und Risikofaktoren für demenzielle Erkrankungen.7 

Herausforderungen in der Pflege und Betreuung

Generell nehmen ältere Menschen mit Migrationshintergrund seltener Pflege- und Unterstützungsangebote in Anspruch. Oft sind diese auch gar nicht bekannt. Dabei spielen Sprachbarrieren eine Rolle, aber auch Gepflogenheiten des Herkunftslandes. Hier wird vielfach noch ausschließlich auf die familiale Pflege durch Kinder und Verwandte vertraut, vor allem von den Frauen der Familie. Oft gibt es auch Vorbehalte gegenüber den Pflegeeinrichtungen oder die Menschen haben bereits schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht.8 Auch befürchten betroffene Familien, dass sie innerhalb ihrer Community ausgegrenzt werden, wenn sie zum Beispiel den Familienangehörigen mit Demenz von jemandem pflegen lassen, der nicht zur Familie gehört – oder, dass in der Versorgung auf kulturelle Bedürfnisse und Gepflogenheiten keine Rücksicht genommen wird.7

Typische Barrieren behindern nicht nur die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen, sondern auch die Pflegebeziehung bei notwendiger Pflege. Gerade Sprachbarrieren und mangelnde transkulturelle Kompetenz der Pflegekräfte können eine gelingende Beziehung erschweren. Eine transkulturelle Kompetenz, die Interaktion und nicht „fremde Kulturen“ ins Zentrum stellt, basiert auf Selbstreflexion, Hintergrundwissen, Erfahrungen und narrativer Empathie. Narrative Empathie bedeutet, sich dem Gegenüber mittels narrativer Techniken zuzuwenden. Wichtig ist es, den Geschichten der Menschen zuzuhören und eine partnerschaftliche Beziehung aufzubauen – und nicht, Listen über angeblich kulturelle Normen auswendig zu lernen.3

Wer Menschen mit Migrationshintergrund pflegt, die Demenz haben, steht dabei vor besonderen Herausforderungen. Oft wird von der doppelten oder gar dreifachen Fremde gesprochen, die die Betroffenen erleben: Sie fühlen sich fremd durch

  1. ihre Zuwanderungsgeschichte,
  2. das fortgeschrittene Lebensalter und
  3. die Demenzerkrankung.8 

Durch die Demenz können auch erworbene Deutschkenntnisse verloren gehen, die der im Langzeitgedächtnis gespeicherten Muttersprache weichen.9

Kommunikation in der transkulturellen Pflege

Kommunikation hat in jeder Pflegebeziehung eine entscheidende Bedeutung. Bei Menschen mit Migrationshintergrund, die verbal nur eingeschränkt kommunizieren können, ist der Aufbau einer tragfähigen Beziehung besonders wichtig. Pflegekräfte müssen sich bewusst sein, dass – wenn die verbale Kommunikation eingeschränkt ist – verstärkt auf nonverbale Signale geachtet werden sollte. Eine Hinwendung zur Person, ein Lächeln, Blickkontakt, die Tonalität der Stimme und das richtige Aussprechen des Namens setzen hier positive Signale und tragen zum Beziehungsaufbau bei.10

Um die inhaltliche Kommunikation zu fördern, können Dolmetscher oder andere Möglichkeiten der Verständigung eingesetzt werden. 

Dolmetscher

In der Praxis übernehmen unterschiedliche Personen das Übersetzen von relevanten Inhalten – von professionellen Dolmetschern (auch per Video oder Telefon möglich) über Familienangehörige und Bekannte bis hin zu Mitarbeitenden mit Sprachkompetenzen in der jeweiligen Herkunftssprache.11 Bei Alltagsfragen ist der Einsatz von Laien-Dolmetschern oft nicht zu umgehen. Hier ist es wichtig, darauf zu achten, nicht über den Kopf der betroffenen Person hinweg zu sprechen, sondern diese aktiv ins Gespräch einzubinden (Fragen stellen, Blickkontakt etc.). 

Gehen Gespräche über Alltagsfragen hinaus, sollten in jedem Fall professionelle Dolmetscher eingesetzt werden.10 Trotzdem zeigt sich, dass dies in der Praxis kaum geschieht. Beim Einsatz von nahestehenden Personen besteht die Gefahr, dass diese z. B. schwere Diagnosen verschweigen und beschönigen, selbst nicht ausreichend Deutsch sprechen oder es zu Rollenkonflikten innerhalb der Familie kommt.11 Auch sollten Kinder in keinem Fall als Dolmetscher einbezogen werden.10

Weitere Hilfsmittel zur Verständigung

Besteht keine Möglichkeit zur direkten verbalen Verständigung bzw. Übersetzung durch Dritte, muss auf Hilfsmittel zurückgegriffen werden. Das geht zum Beispiel durch einfaches Zeigen und Demonstrieren, Bildertafeln oder Bild- und Wörterbücher.10Auch kann fremdsprachiges Infomaterial an die Familien weitergegeben werden, beispielsweise zum Thema Pflege, zu rechtlichen und finanziellen Fragen, das es u. a. von Landesinitiativen wie dem Demenz-Service Nordrhein-Westfalen gibt.8 Auch das Webportal: Migration und Gesundheit des Bundesministeriums für Gesundheit bietet eine Vielzahl an Broschüren und Infomaterialien in verschiedenen Sprachen zum deutschen Gesundheitswesen und zu verschiedenen Gesundheitsthemen. 

Mittlerweile werden auch sehr häufig private Smartphones mit Übersetzungs-Apps (z. B. DeepL, Google Translate, Google Lens) eingesetzt.11 Hier ist es jedoch fraglich, wie gut die Übersetzung tatsächlich ist, gerade wenn es um komplexe medizinische Sachverhalte geht.

Die transkulturelle Pflegeanamnese

Das Pflegeanamnesegespräch bietet die Chance, eine vertrauensvolle Beziehung zum Menschen mit Migrationshintergrund aufzubauen und wichtige Informationen für die Pflege zu sammeln. Das persönliche Einbringen der Pflegekraft kann dabei helfen, Interesse und Empathie zu zeigen und damit als Türöffner zu dienen. Dies gelingt z. B., indem die Pflegekraft mit persönlichen Fragen in das Gespräch einsteigt, Fragen zum Herkunftsland stellt oder über eigene Erfahrung mit dem Herkunftsland spricht und darüber eine alltägliche, familiäre Ebene zulässt. Dieses Zulassen einer teilweise „familiarisierten“ professionellen Beziehung kommt dem Hilfeverständnis vieler Menschen mit Migrationshintergrund eher entgegen als eine distanzierte, rein professionelle Beziehung.12

Eine transkulturelle Pflegeanamnese sollte gut vorbereitet sein. Pflegefachkräfte sollten z. B. vorab überlegen, ob eine dolmetschende Person erforderlich ist und ob andere Personen an dem Gespräch teilnehmen sollten. Auch sollte geschaut werden, ob es Informationsmaterialien in der Herkunftssprache gibt. Wichtig ist zu überlegen, welche Themenbereiche dringend anzusprechen sind und welche Informationen die Person braucht, damit sie sich sicher fühlt.

Das Ziel der transkulturellen Pflegeanamnese ist, die Sichtweise der Person mit Migrationshintergrund zu erfassen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der individuellen Situation und Biografie. Themen, die in der Pflegeanamnese angesprochen werden, reichen von Arbeit, Beruf und Ausbildung über Ernährung und Lebens- bzw. Migrationsgeschichte bis zu Religion. Zum Bereich Religion können z. B. Fragen thematisiert werden wie: Religiöse Zugehörigkeit(en), (Praktizierung), Einflüsse auf bestimmte Lebensbereiche (Ernährung, Tod und Sterben, Genderrollen etc.), religiöse Feiertage, Wunsch nach Andachtsraum, bei Ernährung können es Fragen sein wie: Ernährungsgewohnheiten, Hauptnahrungsmittel, Zubereitungsarten, Gewürze, Getränke, Essenszeiten, Fastenzeiten.12

Eine umfassende transkulturelle Pflegeanamnese erfordert von den Pflegekräften viel Engagement, transkulturelle Professionalität und vor allem auch mehr Zeit. Sie erleichtert in der Folge aber die Pflege und spart wieder Zeit ein, indem sie das transkulturelle Verstehen fördert. Pflegekräfte können Probleme rascher erkennen, effizienter lösen und individuelle migrationsspezifische Pflegemaßnahmen einleiten.12

Kultursensible Pflege bei Demenz

Die Pflege von Menschen mit Demenz und Migrationshintergrund ist eine besondere Herausforderung, wie das Beispiel von Ismail Duran zeigt. 

Die Pflegekräfte haben viele Gespräche mit den Söhnen von Herrn Duran geführt und sich über den Umgang mit alten Menschen in der Türkei informiert. Sie akzeptieren, dass er nicht an den Beschäftigungsangeboten teilnehmen möchte und machen ihm nun eher individuelle Angebote, die er gerne annimmt. Dazu gehören kurze Spaziergänge im Park oder auch die Beschäftigung mit dem interkulturellen Erinnerungskoffer8, den sich die Einrichtung nun für die türkisch-stämmigen Bewohner zugelegt hat. Darin befinden sich zum Beispiel ein blaues, augenförmiges Amulett, selbstgestrickte Hausschuhe, ein Gebetskettchen sowie Gerüche nach Thymian und türkischem Apfeltee. Über diesen Koffer gelingt es den Pflege- und Betreuungspersonen, mit Herrn Duran ins Gespräch zu kommen – auch ohne Dolmetscher. Bei einem nahegelegenen türkischen Restaurant wird nun regelmäßig Essen bestellt, das Herrn Duran schmeckt und seinen religiösen Grundsätzen entspricht. Mit diesen Maßnahmen ist es gelungen, dass Herr Duran sichtlich zufriedener ist, immer lebhafter wird und langsam auch Kontakte zu anderen Bewohnern knüpft.

Literatur

Die Autorin Michelle Eisenberg
Michelle Eisenberg, examinierte Pflegekraft

Michelle Eisenberg ist examinierte Pflegekraft mit der Zusatzqualifikation Praxisanleitung in der Pflege.
Sie hat sowohl in der ambulanten als auch stationären Pflege Erfahrung gesammelt.
Seit einiger Zeit arbeitet Frau Eisenberg im Kundenservice von Dr. Ausbüttel im Bereich Beratung.