Wie der Schlaf die Wundheilung beeinflusst

Wie der Schlaf die Wundheilung beeinflusst

Schlaf ist essenziell für die Regeneration des Körpers und spielt eine entscheidende Rolle bei der Wundheilung. Während des Schlafs werden wichtige Prozesse aktiviert, die zur Zellregeneration und Entzündungshemmung beitragen. Dennoch heilen Wunden während des Schlafens langsamer als im Wachzustand, da Kreislauf und Stoffwechselprozesse verlangsamt sind. Studien zeigen sogar, dass Wunden, die man sich tagsüber zuzog, schneller heilen als solche, die in der Nacht entstanden.

Der Schlaf kann über die „innere Uhr“, den zirkadianen Rhythmus, viele Vorgänge im menschlichen Körper beeinflussen, die eine wichtige Rolle bei der Wundheilung spielen.1 Was bedeuten diese Zusammenhänge für die Pflege?

Schlafmangel kann die Wundheilung verlangsamen, da er Entzündungsprozesse verstärkt und die Zellaktivität stört. Studien zeigen, dass eine gute Schlafqualität die Heilung beschleunigen kann, während Schlafstörungen das Risiko von Komplikationen erhöhen.

Was passiert während des Schlafs im Körper?

Der Mensch verbringt etwa ein Drittel seines Lebens schlafend2 – ein unverzichtbarer Prozess, der vom zirkadianen Rhythmus gesteuert wird. Dieser innere Taktgeber wird durch den suprachiasmatischen Kern (SCN) im Hypothalamus reguliert und beeinflusst maßgeblich unser Schlaf- und Wachverhalten. Obwohl die genauen Gründe für die Notwendigkeit von Schlaf noch nicht vollständig geklärt sind, zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass während des Schlafs wichtige Prozesse im Körper ablaufen:

  • Regeneration des Nervensystems: Neuronale Prozesse verlangsamen sich, während Umbau- und Erholungsmechanismen im Gehirn und Nervensystem aktiviert werden.1,2
  • Hormonelle Veränderungen: Zu Beginn des Schlafs werden vermehrt Wachstumshormone produziert, während in der zweiten Schlafhälfte die Kortisonproduktion zunimmt.3
  • Stoffwechsel und Temperaturregulation: Der Stoffwechsel verlangsamt sich um etwa 15 %, die Körperkerntemperatur sinkt, und die Muskelaktivität nimmt ab.3
  • Zellregeneration: Reparaturprozesse in Haut-, Darm- und Blutzellen werden verstärkt, um den Körper auf den nächsten Tag vorzubereiten.4

Diese Prozesse variieren je nach Schlafphase und sind essenziell für das körperliche und geistige Wohlbefinden. Schlaf ist somit weit mehr als nur eine Ruhephase – er ist ein aktiver Zustand der Regeneration und Heilung (Tab. 1).1-4

PhaseDauer pro SchlafzyklusAnteil an der Gesamt-SchlafenszeitTypische Vorgänge
N1 bis N3: Non-Rapid-Eye-Movement-Phase (NREM)-Phase (Tiefschlaf)
N1

Leichter Schlaf
1 - 5 Minuten5 %
  • Muskelspannung (Muskeltonus) vorhanden
  • Regelmäßige Atmung
N2

Tieferer Schlaf
25 Minuten (Verlängerung bei jedem Zyklus)45 %
  • Herzfrequenz und Körpertemperatur sinken
  • Gedächtniskonsolidierung
  • Möglich: Bruxismus (Zähneknirschen)
N3

Tiefster Schlaf

Slow-Wave-Schlaf (SWS)
20 - 40 Minuten25 %
  • Reparatur von Gewebe
  • Aufbau von Knochen und Muskeln
  • Stärkung des Immunsystems
  • Möglich: Schlafwandeln, Bettnässen
  • Hinweis: Beim Wecken aus dieser Phase sind bis zu 1 Stunde kognitive Einschränkungen (Schlafträgheit) möglich.
REM

(Rapid Eye Movement)
10 Minuten bis 1 Stunde (Verlängerung bei jedem Zyklus)25 %
  • Nicht erholsamer Schlaf
  • Möglich: Träume und Albträume
  • Bewegung der Augen- und Zwerchfellmuskeln
  • Unregelmäßige Atmung
  • Erhöhter Gehirnstoffwechsel
  • Erhöhter, variabler Puls und Blutdruck
Schlafphasen im Überblick

Der menschliche Schlaf besteht aus verschiedenen Phasen, die während einer Nacht bis zu fünfmal durchlaufen werden (Schlafzyklus). Ein Schlafzyklus dauert 90 bis 110 Minuten.2

Wie hängen Schlaf und Wundheilung zusammen?

Während des Schlafs laufen im Körper zahlreiche regenerative Prozesse ab, die auch die Wundheilung beeinflussen.4,6-8

Zirkadiane Oszillatoren: Die innere Uhr der Hautzellen

Neben der zentralen Steuerung des zirkadianen Rhythmus durch den suprachiasmatischen Kern im Hypothalamus besitzen auch viele Körperzellen eigene „innere Uhren“, sogenannte zirkadiane Oszillatoren. Diese sind in Hautzellen wie Keratinozyten (Zellen der Epidermis), Fibroblasten (Bindegewebszellen) und Stammzellen des Haarfollikels aktiv und beeinflussen wichtige Wundheilungsprozesse. Zu den zirkadian abhängigen Mechanismen gehören:4,6,7

  • Proliferation (Vermehrung) der Keratinozyten und Fibroblasten
  • Migration (Wanderung) von Fibroblasten
  • Hautdurchblutung und Regulation der Hauttemperatur.
  • Transepidermaler Wasserverlust

Melatonin: Das Schlafhormon als Helfer der Wundheilung

Das in der Nacht von der Zirbeldrüse ausgeschüttete Melatonin spielt eine zentrale Rolle bei der Unterstützung der Wundheilung. Durch seine vielfältigen Wirkungen trägt es dazu bei, Entzündungen zu reduzieren und die Heilung zu fördern:8

  • Antioxidative Eigenschaften: Schutz der Zellen vor schädlichen freien Radikalen.
  • Entzündungshemmung: Reduktion von Schwellungen und Reizungen an der Wundstelle.
  • Infektionsprophylaxe: Senkung des Risikos von Wundinfektionen.
  • Gefäßregulation: Förderung der Angiogenese (Neubildung von Blutgefäßen) und Steuerung der vaskulären Reaktivität (Weitstellung und Verengung von Gefäßen).
  • Schmerzlinderung und Juckreizreduktion: Verbesserung des Wohlbefindens bei Wunden.

Heilen Wunden während des Schlafs besser?

Während des Schlafs heilen Wunden tendenziell langsamer als tagsüber. Dennoch ist Schlaf essenziell für eine gute Wundheilung.  

Aktuelle Studien und tierexperimentelle Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass der Zeitpunkt der Verletzung eine wichtige Rolle spielen könnte.4,7,9

Fibroblasten und der Einfluss der Tageszeit

Die Wundheilung ist ein komplexer Prozess, an dem verschiedene Zelltypen beteiligt sind – darunter Fibroblasten (Bindegewebszellen). Diese Zellen vermehren sich und wandern aktiv zur Wunde, wo sie die Basis für die Keratinozyten (äußere Hautzellen) und die Narbenbildung schaffen. Studien zeigen, dass Fibroblasten:

  • Tagsüber (aktive Phase) mehr Aktin produzieren, ein Protein, das für ihre Beweglichkeit essenziell ist.
  • Dadurch tagsüber schneller in Richtung der Wunde migrieren und die Heilung aktiv fördern.

Tierexperimentelle Studien bestätigten dies: Mäusehautbiopsien heilten schneller, wenn sie tagsüber entnommen wurden. Die Fibroblasten waren in der aktiven Phase des Tages deutlich effizienter.

Wundheilung bei Menschen: Erkenntnisse aus Verbrennungswunden

Daten aus einer Datenbank zu Verbrennungswunden bei Menschen untermauern diese Ergebnisse:4,7,9

  • Tagsüber entstandene Wunden heilten um bis zu 60 % schneller als Wunden, die in der Nacht (Ruhephase) entstanden.
  • Verbrennungen, die nachts auftraten, benötigten im Durchschnitt 11 Tage länger, um vollständig zu verheilen.

Die Rolle der Keratinozyten

Auch Keratinozyten (Hautzellen der Epidermis) folgen einem täglichen Rhythmus:4,9,10

  • Am frühen Morgen ist ihre Differenzierungsrate aus Vorläuferzellen am höchsten.
  • Am Abend vermehren sie sich verstärkt.

Bedeutung für die Praxis

Diese Erkenntnisse könnten in der Zukunft praktische Auswirkungen haben, etwa bei der Planung von Operationen, bei denen „absichtlich“ Wunden zugefügt werden. Der Zeitpunkt eines Eingriffs könnte die Heilungsrate beeinflussen. Allerdings müssen diese ersten Ergebnisse aus Tierexperimenten und Datenbanken durch größere Studien mit Menschen weiter überprüft werden.9

Wie beeinflusst Schlafmangel die Wundheilung?

Schlafmangel und Schlafstörungen können die Wundheilung beeinträchtigen, da sie wichtige regenerative Prozesse stören. Studien legen nahe, dass Schlafmangel verschiedene Phasen der Wundheilung negativ beeinflusst, da er sich auf den zirkadianen Rhythmus und entzündliche Prozesse auswirkt.1,11,12

Die Folgen von Schlafmangel auf zellulärer Ebene

  • Erhöhte Konzentration einiger Gerinnungsfaktoren
  • Vermehrte Entzündungsbotenstoffe: Bei Menschen mit verkürzter Schlafdauer wurde ein Anstieg entzündlicher Zytokine beobachtet. Dies verzögert die Wundheilung, da diese erst einsetzen kann, wenn die Entzündungsphase abgeschlossen ist.
  • Gestörte Fibroblastenaktivität: Schlafmangel und ein gestörter zirkadianer Rhythmus können die Proliferations- und Ruhephasen von Fibroblasten beeinträchtigen. Dies kann sich negativ auf die Granulationsphase und den Wundverschluss auswirken.

Schlafmangel und Wundheilung bei akuten und chronischen Wunden

Die Auswirkungen von Schlafmangel zeigen sich sowohl bei Menschen mit akuten als auch chronischen Wunden. Studien haben folgende Zusammenhänge beobachtet:

  • Postoperative Wundkomplikationen: Menschen, die sich einer Notfall-Laparotomie (chirurgische Öffnung der Bauchhöhle) unterzogen, hatten bei schlechter Schlafqualität häufiger postoperative Wundkomplikationen.11
  • Diabetisches Fußsyndrom: Bei Patienten mit diabetischem Fußsyndrom führte ein häufig unterbrochener Schlaf (Schlaf-Fragmentierung) zu einer schlechteren Wundheilung. Zudem war eine verkürzte Schlafdauer und eine geringere Schlafeffizienz mit einem höheren Risiko für Geschwürrezidive verbunden.12

Wie kann die Pflege einen besseren Schlaf von Patientinnen und Patienten unterstützen?

Die vorliegenden Erkenntnisse legen nahe, dass eine verbesserte Schlafgesundheit auch die Wundheilung günstig beeinflussen kann.1 Pflegefachpersonen können Patientinnen und Patienten mit Schlafstörungen dabei unterstützen, ihre Schlafsituation positiv zu verändern und damit zu einem gesünderen Schlaf beitragen. Im stationären Umfeld können dabei verschiedene, nicht-medikamentösen Maßnahmen helfen (Tab. 2).13

Tab. 2: Nicht-medikamentöse Maßnahmen für eine verbesserte Schlafgesundheit von Patientinnen und Patienten im Krankenhaus13

Art der MaßnahmeBeispiel
strukturelle Maßnahmen
  • Regulierung der Raumtemperatur
  • Abends das Licht dimmen
  • Geräusche im Flur reduzieren
  • Verlegung unruhiger Patientinnen und Patienten
organisatorische Maßnahmen
  • Kurze Gespräche mit den Patientinnen und Patienten am Abend
  • Mehr Zeit für Abendrundgänge
pflegerische Maßnahmen
  • Schlafanamnese durchführen
  • Atemstimulierende Einreibungen
  • Beruhigende Ganzkörperwaschungen
„Hausmittel“
  • Warme Getränke (Milch mit Honig, Tee) anbieten
  • Beruhigende Musik anbieten
  • Fernsehen ermöglichen

Außerdem können Pflegefachpersonen – auch in der ambulanten Versorgung – die Patientinnen und Patienten über schlaffördernde Maßnahmen aufklären, zum Beispiel:14,15

  • Für ein schlaffreundliches Schlafzimmer sorgen (kühle Temperatur, Ruhe, kein Licht von elektronischen Geräten).
  • Immer zur gleichen Zeit schlafen gehen und aufstehen, auch an den Wochenenden.
  • Soweit möglich, Störungen des Schlafrhythmus vermeiden (zum Beispiel Schichtarbeit).
  • Anregende Substanzen wie Koffein, Nikotin und Alkohol vor dem Schlafengehen vermeiden.
  • Für eine ausreichende Tageslichtexposition im Freien von 45 bis 60 Minuten täglich sorgen (am besten in Verbindung mit einem Spaziergang)
  • Einen Zeitabstand zwischen körperlicher Aktivität und dem Schlafengehen von mindestens 5 bis 6 Stunden einplanen.
  • Nickerchen“ während des Tages vermeiden.
  • Regelmäßige Essenszeiten einhalten und auf späte Mahlzeiten verzichten.
  • Die Trinkmenge vor der Schlafenszeit reduzieren, um nächtliche Toilettengänge zu vermeiden.
  • Stressmanagement-Maßnahmen einüben, wie zum Beispiel beruhigende Musik hören, ein warmes Bad nehmen sowie Yoga oder Meditation.

Grundsätzlich gelten diese Empfehlungen gleichermaßen auch für ältere Erwachsene. Allerdings kann deren Umsetzung aufgrund der Alterungsprozesse im höheren Lebensalter wichtiger werden, um besser zu schlafen.15

Ganzheitliche Wundversorgung: Den Menschen hinter der Wunde sehen

Die Schlafgesundheit ist nur ein Beispiel für vielfältige Faktoren, die die Wundheilung und das Wundmanagement beeinflussen. Daher ist es wichtig, in der Wundversorgung die Betroffenen ganzheitlich im Blick zu haben und über die Wunde hinaus relevante Einflüsse zu berücksichtigen. Dazu gehören zum Beispiel:16,17

Einzelheiten zum Einfluss des Lebensstils auf die Wundheilung fasst der Beitrag „Der Lebenswandel ist entscheidend für die Wundheilung“ zusammen. 

Literatur

Die Autorin Michelle Eisenberg
Michelle Eisenberg, examinierte Pflegekraft

Michelle Eisenberg ist examinierte Pflegekraft mit der Zusatzqualifikation Praxisanleitung in der Pflege.
Sie hat sowohl in der ambulanten als auch stationären Pflege Erfahrung gesammelt.
Seit einiger Zeit arbeitet Frau Eisenberg im Kundenservice von Dr. Ausbüttel im Bereich Beratung.