Gewalt erkennen und verhindern – Tipps für den Pflegealltag
Das ZQP hat einen Leitfaden zusammengestellt. Pflegeeinrichtungen können ihnen für Gewaltschutzkonzepte verwenden. Für Pflegekräfte finden sich darin viele praktische Hinweise.
Der Praxisleitfaden „Entwicklung eines organisationsbezogenen Gewaltschutzkonzepts – Praxisleitfaden für stationäre Pflegeeinrichtungen“ stammt vom Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP), einer gemeinnützigen Fachstiftung mit Sitz in Berlin, die wissenschaftsbasierte Informationen und Materialien zur Verbesserung der Pflege bereitstellt. Er fasst aktuelles Wissen zu Gewalt in der Pflege zusammen und soll Einrichtungen als Basis dienen, um ein Gewaltschutzkonzept zu entwickeln und umzusetzen.
Für Sie als Pflegekraft bietet er viele Anregungen zur Prävention und zum Umgang mit Gewaltsituationen – ohne dass Sie auf Entscheidungen der Leitung warten müssen.
Wir haben Ihnen die wichtigsten Tipps zusammengefasst.
Gewalt beginnt im Kleinen
Die Autorinnen und Autoren des Leitfadens betonen, dass Gewalt viele Gesichter hat: zum Beispiel ein harter Ton, Bloßstellung, Ignorieren, Vernachlässigung, Eingriffe in die Selbstbestimmung, körperliche Übergriffe, sexualisierte Grenzverletzungen, strukturelle Gewalt durch starre Abläufe oder dauerhafte Überlastung, körperliche Gewalt. Achten Sie im Alltag bewusst darauf, wo Sie selbst in Stress geraten, genervt sind oder Bedürfnisse von Bewohnenden übergehen, weil die Zeit drängt.
Wenn Sie merken, dass Sie zum Beispiel grob zugreifen, laut werden, jemanden übergehen oder „für die Person entscheiden“, halten Sie kurz inne, atmen Sie durch und passen Sie Ihr Vorgehen an.
Beobachten Sie auch Situationen zwischen Bewohnenden: Konflikte um Privatsphäre, Lautstärke, persönliche Gegenstände oder sexualisierte Annäherungen können sich schleichend aufbauen. Sprechen Sie Beteiligte ruhig an und versuchen Sie, die Situation zu klären, bevor sich Aggressionen steigern.
Im Team offen über Gewalt sprechen
Der Leitfaden fordert grundsätzlich eine Kultur des „Hinsehens“ statt Wegschauens. Nutzen Sie Dienstbesprechungen, Fallbesprechungen oder kurze Ad-hoc-Gespräche, um belastende Situationen auf den Tisch zu bringen – auch dann, wenn Sie sich selbst unsicher fühlen, ob schon Gewalt vorlag. Formulieren Sie Ihre Wahrnehmung konkret: Was ist passiert? Wer war beteiligt? Wie wirkte die Situation auf Sie? Vermeiden Sie dabei Schuldzuweisungen. Richten Sie lieber den Blick darauf, wie Sie als Team künftig anders handeln wollen.
Wenn Sie Gewalt bemerken oder einen entsprechenden Verdacht haben, informieren Sie früh eine geeignete Ansprechperson und stellen Sie die Situation sachlich dar. Wen Sie hinzuziehen, hängt natürlich davon ab, wen die Gewaltsituation betrifft: Handelt es sich um eine Auseinandersetzung unter Bewohnenden? Kritisieren Sie das Verhalten einer Kollegin oder eines Kollegen?
Besonders sensibel sollten Sie vorgehen, wenn Sie selbst Gewalt durch Vorgesetzte erfahren. Wenden Sie sich an eine Vertrauensperson. Das können auch Mitarbeitende der Personalabteilung oder vom Betriebsrat sein. Gegebenenfalls kann eine Supervision helfen.
Verhalten bei einer akuten Bedrohung
Trennen Sie Beteiligte räumlich und holen Sie Unterstützung. Versuchen Sie dann gemeinsam, eine Eskalation zu vermeiden, indem Sie auf die Parteien beruhigend einwirken. Achten Sie dabei stets auf Ihren eigenen Schutz.
Bieten Sie Betroffenen im Nachgang ein Gespräch an, hören Sie zu. Dabei sollten Sie aber auch Grenzen wahren. Anders gesagt: Beziehen Sie – abhängig von der Situation und den Beteiligten – Teammitglieder, Vorgesetzte, Angehörige etc. ein. Es ist nicht Ihre Aufgabe, die Konflikte allein zu lösen.
Belastungen reduzieren und Fortbildungen nutzen
Hohe Arbeitsdichte, Personalmangel, Zeitdruck und fehlende Pausen erhöhen das Risiko, dass Sie selbst grenzüberschreitend reagieren oder Gewalt nicht ernst nehmen. Achten Sie auf eigene Warnsignale wie Gereiztheit, Zynismus oder Rückzug. Wenn Sie merken, dass Sie sich überfordert fühlen, bitten Sie aktiv um Hilfe, tauschen Sie Aufgaben oder holen Sie eine zweite Person in einer schwierigen Situation hinzu. Mitunter kann es schon helfen, einfach mal für zwei Minuten den Raum zu verlassen und durchzuatmen.
Nutzen Sie Schulungsangebote zu Deeskalation, Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Demenz oder Alternativen zu freiheitseinschränkenden Maßnahmen.
Hier geht’s zum vollständigen Leitfaden.