Kommunikationsmodell SPIKES
Das Kommunikationsmodell “SPIKES” eignet sich besonders für die Überbringung „schlechter“ Nachrichten wie Diagnosen, Prognosen oder Krankheitsverschlechterungen. Nicht alle Schritte müssen im Gespräch berücksichtigt werden, jedoch ist die Reihenfolge wichtig.
SETTING = Gesprächsvorbereitung
Inhaltliche Vorbereitung:
- Medizinische Fakten sichten, ggf. gemeinsam im Team besprechen
- zentrale Botschaften formulieren
- Gesprächsablauf planen, auf mögliche Herausforderungen vorbereiten
Mentale Vorbereitung, Haltung:
- Formulierungen und nonverbale Ausdrücke einüben
- (eigene) Emotionen anerkennen
- Ruhig und fokussiert in das Gespräch gehen
- Eltern in ihrer Rolle anerkennen
- Zugewandte Haltung einnehmen
- Blickkontakt aufnehmen
- Familienmitglieder einzeln begrüßen
- Alle anwesenden Teammitglieder vorstellen
Rahmenbedingungen:
- Besprechungszimmer reservieren: vermeidet Gespräche zwischen „Tür und Angel“
- Ausreichend Zeit nehmen: vermeidet Unterbrechungen
- Telefon/ Pager ausstellen
- Taschentücher bereitstellen
- Unterstützung hinzubitten: Bezugspflegende, vertraute Person der Familie
- Bei Eltern erfragen, ob das Kind anwesend sein soll (siehe auch: Gespräche mit dem Kind)
- Betreuung für Geschwisterkind organisieren
- Sprachbarrieren: Dolmetscher:in organisieren
Navigation der Lehreinheiten und Materialien
- Übersichtsseite GeKo
- Kennenlernen der Familie
- Diagnosegespräch mit den Eltern
- Krankheitsverschlechterung mitteilen
- Umgang mit Hoffnungen
- Zweifel und Unsicherheiten
- Emotionale Reaktion der Eltern
- Das Gespräch mit dem Kind
- Ungeplante Gespräche
Kommunikationsmodelle
PERCEPTION = Kenntnisstand erfragen
Vor Informationsmitteilung erfragen Sie bitte bei den Eltern (und evtl. bei den Patient:innen):
- den aktuellen Kenntnisstand.
- die individuelle Einschätzung der gesundheitlichen Situation.
Wenn nötig, korrigieren Sie Fehlinformationen.
Wichtig:
Hier können Verdrängungsmechanismen deutlich werden. (siehe auch: Krankheitsverschlechterungen mit Eltern thematisieren)
Formulierungsbeispiele:
A/Ä: „Mögen Sie uns berichten, wie Ihr Eindruck von Tim ist? Was hat sich verändert?“
Eltern: „Einmal haben wir uns die ja alle zusammen angeschaut, das sah so harmlos aus, die weißen Flecken, aber es waren sehr viele und Tim ging es ja auch immer schlechter, er ist gar nicht mehr wie unser Sohn.“
A/Ä: „Erinnern Sie sich noch, was ich damals gesagt habe?“
Eltern: „Was bedeutet das denn jetzt alles? Wann machen wir denn jetzt die Transplantation, das muss doch jetzt schnell gehen?! …Letztes Mal haben Sie gesagt, dass es zu spät ist. Aber das kann doch nicht sein. Das darf einfach nicht sein!“
INVITATION = Informationsbedürfnis
Alle Familien haben individuelle Informationsbedarfe, die auch zwischen Eltern und Kindern voneinander abweichen können. Erfragen Sie, wie viele Informationen gewünscht sind. Wenn keine Detailinformationen gewünscht sind, bieten Sie an, jederzeit Fragen zu beantworten.
Formulierungsbeispiel:
„Ja, die Krankheit ist leider immer weiter und sehr schnell vorangeschritten. Gestern nun hatte Tim einen Krampfanfall und wir haben ja erneut eine Kernspinaufnahme gemacht. Möchten Sie, dass wir jetzt über das Ergebnis sprechen?“
KNOWLEDGE = Informationen mitteilen
Optional kann ein „Warnschuss“ notwendig sein: Warnen Sie die Familie davor, dass Sie schlechte Nachrichten haben.
- Teilen Sie die Informationen ehrlich und sensibel mit.
- Beziehen Sie die Informationen auf bereits vorhandenes Wissen der Familie.
- Verwenden Sie klare, kurze Sätze.
- Verzichten Sie auf medizinische Fachsprache.
- Vermeiden Sie Bagatellisierungen, Beschönigungen oder unsensible Ausdrücke.
- Passen Sie Ihre Sprache an Bildungsstand, Herkunft und üblichen Sprachgebrauch der Familie an.
- Teilen Sie nicht zu viele Informationen auf einmal mit.
- Machen Sie kurze Gesprächspausen (10 bis 15 Sekunden) im Anschluss an zentrale Informationen.
- Fragen Sie nur bei sehr langen Gesprächspausen nach dem Befinden.
- Verwenden Sie zusätzliche Darstellungsweisen: Abbildungen, Grafiken, schriftliches Infomaterial, Flipchart
- Ermöglichen Sie Rückfragen und gehen Sie darauf ein.
- Erkennen Sie Unsicherheiten zum Krankheitsverlauf offen an.
Formulierungsbeispiele:
„Ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie“.
„Wir haben nun nach den vielen Tests und durch die letzte Blutuntersuchung festgestellt, dass Tim eine Krankheit hat, die sehr selten vorkommt. Ich gehe davon aus, dass sie den Namen noch nie gehört haben. Ich werde Ihnen den Namen jetzt nennen und dann erklären, was das konkret für Tim und für Sie als Familie bedeutet. Die Krankheit heißt Adrenoleukodystrophie.“
„Ja, leider! Diese Krankheit wird weiter fortschreiten und immer mehr Nerven von Tim angreifen. Niemand kann vorhersagen, was genau in der nächsten Zeit passieren wird und wie schnell die Krankheit bei Ihrem Sohn verlaufen wird.“
„In der Kernspinaufnahme von Tim sieht man leider erneut mehr Krankheitsherde als in den Voraufnahmen. Die Krankheit betrifft viele einzelne Gebiete des Gehirns, aber auch das Gehirn als Ganzes. Das ist leider keine gute Nachricht.“
EMPATHIZE = Emotionen wahrnehmen und zulassen, empathisch reagieren
Seien Sie aufmerksam: Nehmen Sie erkennbare Emotionen bei Eltern/ Patient:innen wahr.
- Fragen Sie sensibel nach.
- Reagieren Sie empathisch und verständnisvoll.
- Bestätigen Sie emotionale Reaktionen als natürlich.
- Nehmen Sie auf den Auslöser der Emotion Bezug.
- Warten Sie immer die emotionalen Reaktionen bei den Eltern/ Patient:innen ab.
- Übergehen Sie keine Reaktionen.
Formulierungsbeispiele:
„Ich wünschte, ich könnte Ihnen etwas Anderes mitteilen.“
„Es tut mir sehr leid […].“
„Für viele Familien ist das ein großer Schock.“
„Das muss sehr enttäuschend für Sie sein.“
„Ich weiß, Sie haben auf andere Nachrichten gehofft.“
STRATEGY AND SUMMERY = Plan gemeinsam festlegen, rückversichern, zusammenfassen
- Fassen Sie zentrale Punkte des Gesprächs zusammen.
- Rückversichern Sie sich, dass das Besprochene richtig verstanden wurde.
- Gehen Sie sensibel auf Hoffnungen und Erwartungen ein.
- Bieten Sie ggf. Unterstützung an.
- Fragen Sie die Familie, ob sie bereit dazu sind, einen Plan für die nächsten Schritte gemeinsam zu besprechen.
- Legen Sie gemeinsam eine Agenda fest.
- Dokumentieren Sie für sich und Ihr Team Inhalt und vereinbarte Ziele des Gesprächs.
- Reflektieren Sie das Gespräch, auch im Team.
Formulierungsbeispiele:
„Wichtig ist, dass wir jetzt gemeinsam überlegen, was für Tim das Beste ist. Was ist denn Ihr Eindruck? Was braucht Tim jetzt am dringendsten?“
„Ja, dann lassen Sie uns doch gemeinsam schauen, was er braucht, damit Sie schnell wieder entlassen werden können.“