Wundheilungsstörung: Wann sollte man an Laborwerte denken?
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Wundheilungsstörung: Wann sollte man an Laborwerte denken?

Ihr kennt das: Die Wunde ist sauber, der Verbandwechsel sitzt, die Wundauflage passt zur Wundphase – und trotzdem sieht die Wunde in Woche sechs aus wie in Woche zwei. Wir wechseln das Produkt, wir wechseln es noch einmal, und irgendwann zweifeln wir an uns selbst. Dabei liegt die Ursache manchmal gar nicht in der Wunde, sondern im Körper: ein entgleister Blutzucker, eine Anämie, ein Eiweißmangel, eine stille Entzündung.

Genau hier braucht ihr eine Analyse der Laborwerte. Sie ersetzen keine Wundbeurteilung – aber sie können Aufschluss darüber geben, warum eine Wunde nicht vorankommt. Die Interpretation ist Sache der Ärztin oder des Arztes. Der erste Hinweis kommt trotzdem ziemlich oft von uns MFA. 

Das erwartet euch in diesem Beitrag

  • Wann ein Blick ins Labor bei schlecht heilenden Wunden wirklich sinnvoll ist
  • Welche Blutwerte dabei eine Rolle spielen – und worauf sie hinweisen können
  • Eine Übersicht für euch zum schnellen Nachschlagen
  • Was der Wundabstrich leisten kann - und was nicht

Wann Laborwerte besonders relevant werden

Nicht jede Wunde braucht ein Labor. Aufmerksam werden solltet ihr aber, wenn eines dieser Signale auftaucht:

  • Die Wunde wird trotz fachgerechter Versorgung nicht kleiner.
  • Die Heilung stagniert seit mehreren Wochen – die Wunde kommt über die Exsudationsphase nicht hinaus.
  • Es zeigen sich Zeichen einer Infektion: Rötung, Überwärmung, Schwellung, Schmerzzunahme, verändertes Exsudat, Geruch.
  • Der Patient hat einen Diabetes mellitus – oder es besteht der Verdacht darauf.
  • Es gibt Hinweise auf eine Mangelernährung: zu weit gewordene Kleidung, eingefallene Wangen, wenig Appetit.
  • Auffällig sind starke Exsudation, Müdigkeit oder ungewollter Gewichtsverlust.
  • Es treten wiederholt Wundinfektionen auf.
  • Eine Operation oder ein invasiver Eingriff ist geplant, zum Beispiel ein chirurgisches Débridement.
  • Der Patient nimmt Kortison, Immunsuppressiva oder Zytostatika ein.
  • Es besteht eine chronische Grunderkrankung – Niere, Leber, Herz, Rheuma oder ein Tumorleiden.

Klingt nach viel? Ist es auch. In der Praxis fallen diese Punkte meist beim ganz normalen Verbandwechsel auf.

Welche Werte dabei eine Rolle spielen

  • Blutbild: Hämoglobin und Erythrozyten zeigen, ob genug Sauerstoff im Gewebe ankommt – und ohne Sauerstoff keine Granulation. Eine Anämie erklärt außerdem oft die Müdigkeit, die Patienten nebenbei erwähnen.
  • Blutzucker und HbA1c: Der HbA1c zeigt die Blutzuckerlage der letzten zwei bis drei Monate. Je schlechter der Diabetes eingestellt ist, desto stärker leiden Durchblutung, Immunabwehr und Zellneubildung – der Klassiker unter den Heilungsbremsen. Nicht selten wird ein Diabetes überhaupt erst über eine nicht heilende Wunde entdeckt.
  • Eisenstatus, Ferritin, Vitamin B12 und Folsäure: Sie zeigen, woher eine Anämie kommt. Kleiner Fallstrick: Ferritin steigt bei Entzündung an. Ein normales Ferritin schließt einen Eisenmangel deshalb nicht aus, wenn gleichzeitig das CRP erhöht ist – beide Werte werden immer zusammen beurteilt.
  • Eiweißstatus: Albumin und Gesamteiweiß. Für Granulation und Epithelisierung braucht der Körper Eiweiß, über stark exsudierende Wunden geht zusätzlich welches verloren. Auch hier gilt: Ein niedriges Albumin bedeutet nicht automatisch Mangelernährung, denn es sinkt auch bei Entzündungen. Es ist ein Hinweis, kein Beweis.
  • Entzündungswerte: CRP, Leukozyten, BSG. Das CRP (C-reaktives Protein) reagiert schnell und fällt auch schnell wieder – gut geeignet, um einen Verlauf zu beurteilen. Die BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit) ist träger und unspezifischer. Wichtig: Eine lokale Wundinfektion wird klinisch gestellt, nicht im Labor. Ein normales CRP schließt eine Entzündung nicht abschließend aus, gerade bei älteren Patienten oder unter Kortison können die Werte trügerisch unauffällig sein.
  • Leber- und Gerinnungswerte: GOT (Glutamat-Oxalacetat-Transaminase, auch AST oder ASAT genannt), GPT (Glutamat-Pyruvat-Transaminase, auch ALT oder ALAT genannt), Gamma-GT (Gamma-Glutamyl-Transferase (oft auch γ-GT oder GGT abgekürzt), Bilirubin, Quick/INR (misst die äußere Blutgerinnung), PTT (Partielle Thromboplastinzeit), Thrombozyten. Die Leber bildet Gerinnungsfaktoren und Eiweiße; die Gerinnung wird spannend, sobald geschnitten wird – Débridement, Nekrosenabtragung, geplante OP. Denkt daran: Bei den neuen oralen Antikoagulanzien (DOAK) sagt der INR nichts über die Wirkstärke aus. Da zählt die Medikamentenanamnese.
  • Nierenwerte: Kreatinin, eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate), Harnstoff. Wichtig für Ödeme – und vor allem für die Dosierung von Medikamenten, etwa Antibiotika oder Schmerzmitteln.
  • Vitamine und Spurenelemente: Vitamin D, Zink, Vitamin C. Alle drei sind an der Immunabwehr und Kollagenbildung beteiligt. Sinnvoll ist eine gezielte Bestimmung bei begründetem Verdacht. Es wird nur substituiert, was tatsächlich fehlt.

Praktische Übersicht zum Nachschlagen

BereichMögliche WerteWorauf sie hinweisen können
Entzündung/InfektionCRP, Leukozyten, BSGInfektion, systemische Entzündungsreaktion
Diabetes/StoffwechselGlukose, HbA1cschlechte Blutzuckereinstellung, Diabetesrisiko
Blutbildung/SauerstoffHb, Erythrozyten, Ferritin, B12, FolsäureAnämie, Mangelzustände
Ernährung/EiweißAlbumin, GesamteiweißMangelernährung, Eiweißverlust, Entzündung
NiereKreatinin, eGFR, Harnstoffeingeschränkte Nierenfunktion, Medikamentenanpassung
LeberGOT, GPT, Gamma-GT, BilirubinStoffwechsel- und Syntheseleistung
GerinnungQuick/INR, PTT, ThrombozytenBlutungsneigung, Antikoagulation
MikronährstoffeZink, Vitamin D, Vitamin Cmögliche Mangelzustände
MikrobiologieWundabstrich, AntibiogrammErregernachweis, Antibiotikaauswahl

Wundabstrich: ja – aber gezielt

Der Abstrich ist kein Blutwert, gehört aber in jede Überlegung zur stockenden Wundheilung. Wichtig ist der richtige Zeitpunkt: Jede chronische Wunde ist besiedelt. Ein Abstrich „auf Verdacht“ liefert deshalb fast immer irgendeinen Keim – und verleitet zu Antibiotika, die niemand braucht. Ein Abstrich ist sinnvoll in folgenden Fällen:

  • bei klinischen Infektzeichen,
  • bei ausbleibender Heilung trotz korrekter Therapie oder
  • vor einem geplanten Eingriff. 

Und immer erst nach der Wundreinigung den Abstrich machen, damit ihr die Wunde untersucht und nicht den alten Verband. Wie ihr dabei technisch am besten vorgeht, steht ausführlich in unserem Fachbeitrag zum Wundabstrich.

Was ihr als MFA konkret tun könnt

  • Beobachtungen laut aussprechen. „Die Wunde ist seit vier Wochen unverändert groß.“
  • Wundgröße dokumentieren, nicht schätzen. Erst der dokumentierte Verlauf macht Stagnation sichtbar. Fotos und Messwerte sind an der Stelle auch wichtiger als die Aussagen eurer Patienten – auch wenn diese natürlich immer wichtig sind im Gesamtbild.
  • Nebenbefunde mitnehmen. Gewichtsverlust, Appetit, Müdigkeit, neue Medikamente: Fragt beim Verbandwechsel danach und schreibt es auf.
  • Vorbefunde parat legen. Wann war der letzte HbA1c? Läuft der Patient in einem Disease Management Programm (DMP)? Das spart der Ärztin die Suche.
  • Nicht selbst interpretieren. Als MFA markiert ihr Auffälligkeiten und gebt diese weiter. Werte einordnen und Konsequenzen ziehen ist ärztliche Aufgabe.
  • Sauber präanalytisch arbeiten. Der beste angeordnete Wert nützt nichts, wenn Stauzeit, Röhrchenreihenfolge oder Transport nicht stimmen. Wie das im Alltag gelingt, habe ich euch in einem Beitrag zusammengefasst: Labortätigkeiten als MFA im Griff

Wie ihr aus jeder Probe einen belastbaren Wert macht, sehr ihr in diesem Video auf DRACO Wunde+: Präanalytik – Der Weg zum validen Laborwert - 86 Minuten mit Teilnahmebescheinigung.

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Welche Erfahrungen habt ihr mit Wundheilungsstörungen schon gemacht? Ich freue mich wie immer auf eure Geschichten aus dem Praxisalltag!

Viele Grüße

Eure Steffi

Die Autorin Steffi, MFA/Wundexpertin (ICW)
Steffi Blog

Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten in einer dermatologischen Praxis, anschließend 5 Jahre im Praxisalltag als MFA tätig. Seit 2014 bei Dr. Ausbüttel (DRACO®). Wundexpertin (ICW) und bloggende MFA mit Leidenschaft.

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