Nadelstichverletzung: Vorgehen für MFA – Schritt für Schritt richtig reagieren
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Nadelstichverletzung: Vorgehen für MFA – Schritt für Schritt richtig reagieren

Ein kurzer Stich kann im Praxisalltag schnell passieren – entscheidend ist, dass ihr als MFA sofort richtig reagiert. Eine Nadelstichverletzung wirkt oft „klein": ein kurzer Stich, kaum Blut, schnell passiert. Trotzdem muss sie immer ernst genommen werden, denn über Blut können unter anderem Hepatitis B, Hepatitis C und HIV übertragen werden. 

Wichtig für euch: nicht bagatellisieren, nicht heimlich weitermachen und bitte auch nicht erst am Feierabend melden. Eine Nadelstichverletzung ist ein Arbeitsunfall und braucht ein klares, sofortiges Vorgehen. Ich erkläre euch in diesem Beitrag:

  • Was gilt überhaupt als Nadelstichverletzung?
  • Die Sofortmaßnahmen – auch für den Fall „es hat gar nicht geblutet"
  • Warum bei der medizinischen Abklärung jede Minute zählt!
  • Was dokumentiert werden muss – und wie ihr Verletzungen von vornherein vermeidet

Was zählt als Nadelstichverletzung?

Gemeint ist jede Stich-, Schnitt- oder Kratzverletzung der Haut durch ein Instrument, das mit Patientenmaterial – vor allem Blut – verunreinigt ist: Kanüle, Lanzette, Skalpell, Ampullensplitter. Auch der Kontakt von geschädigter Haut, Schleimhaut oder Auge mit Blut oder Körperflüssigkeit gehört dazu.

Warum das so ernst ist: Nach einem Stich mit einer kontaminierten Hohlnadel liegt das Infektionsrisiko grob bei bis zu rund 30 % für Hepatitis B (ohne Immunschutz), etwa 3 % für Hepatitis C und etwa 0,3 % für HIV. Jährlich werden rund 50.000 Nadelstichverletzungen an die BGW gemeldet – bei hoher Dunkelziffer (https://www.bgw-online.de/bgw-online-de/themen/gesund-im-betrieb/hygiene-infektionsschutz-biostoffe/informationen-zur-vermeidung-von-stichverletzungen-in-der-22026).

Sofortmaßnahmen: Was ihr als MFA direkt tun müsst

Jetzt zählen Sekunden. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) beschreibt die Sofortmaßnahmen, die je nach Art der Verletzung zu treffen sind:

  • Stich- oder Schnittwunde: den Blutfluss fördern – durch Druck auf das umliegende Gewebe (ein bis zwei Minuten). Die Einstichstelle dabei nicht ausquetschen, denn das presst Erreger nur tiefer ins Gewebe. Der Druck auf das umliegende Gewebe soll allerdings dabei helfen, eingedrungene Krankheitserreger auszuspülen. Anschließend intensiv desinfizieren bzw. mehrere Minuten antiseptisch spülen (Viruzide, meist alkoholisches Antiseptikum).
  • Kontamination der Haut: intensiv desinfizieren.
  • Auge oder Schleimhaut: sofort intensiv mit Wasser oder isotonischer Kochsalzlösung spülen.
  • Spritzer im Mund: ausspucken und mehrfach spülen.

„Es hat gar nicht geblutet" – was dann? Auch ohne sichtbares Blut bleibt das Vorgehen identisch: erst den Blutfluss anregen (Druck auf das umliegende Gewebe, nicht quetschen), dann desinfizieren. Ein fehlendes Bluten senkt das Risiko nicht – und ändert nichts an der Meldepflicht.

Der größte Fehler: Pflaster drauf und weiterarbeiten.

Medizinische Abklärung: Warum Schnelligkeit zählt

  • Sofort die zuständige Ärztin oder den Arzt hinzuziehen und umgehend eine Risikoabschätzung vornehmen (Zeitpunkt, Instrument, Kontamination, Stichtiefe, Schutzmaßnahmen).
  • Durchgangsärztin oder -arzt aufsuchen (in größeren Einrichtungen Betriebsarzt oder Notfallambulanz) – als Arbeitsunfall.
  • Indexperson klären: Der Infektionsstatus der Quelle wird per Blutuntersuchung bestimmt – aber nur mit deren Einwilligung. Bei der verletzten Person wird der Ausgangsstatus (HBV, HCV, HIV) erhoben.
  • HIV-PEP: Ob eine Postexpositionsprophylaxe nötig ist, entscheidet die Ärztin oder der Arzt. Sie soll möglichst innerhalb von zwei Stunden beginnen – je früher, desto besser. Auch der Hepatitis-B-Impfschutz wird geprüft und bei Bedarf ergänzt.

Genau deshalb ist sofortiges Melden kein lästiger „Bürokram", sondern Teil der Behandlung: Die wirksamsten Maßnahmen wirken nur, wenn sie früh genug starten.

Dokumentation: Was muss festgehalten werden?

  • Eintrag ins Verbandbuch (Erste-Hilfe-Dokumentation): wer, wann, wo, Hergang, Instrument, durchgeführte Maßnahme, helfende Person.
  • (Durchgangs-)ärztlicher Bericht und Unfallanzeige an die BGW bzw. Unfallkasse.
  • Ergebnis der Risikoabschätzung und alle veranlassten Schritte.

Damit klärt ihr auch euren Versicherungsschutz und ermöglicht, dass eine etwaige Infektion früh erkannt werden kann. Denn: Ohne Dokumentation drohen im Ernstfall Nachweisprobleme gegenüber der Berufsgenossenschaft. Mehr zum Ablauf findet ihr in diesem Beitrag: Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit in der Arztpraxis

Prävention: So lassen sich Nadelstichverletzungen vermeiden

Der sicherste Nadelstich ist der, der gar nicht erst passiert. Diese Maßnahmen sind keine Formalität, sondern echter Mitarbeiterschutz:

  • Sicherheitskanülen und -geräte konsequent nutzen – sie sind im Gesundheitsdienst vorgeschrieben.
  • Kein Recapping: Schutzkappen niemals wieder auf gebrauchte Kanülen stecken.
  • Durchstichsichere Abwurfbehälter griffbereit direkt am Arbeitsplatz – und rechtzeitig wechseln, nie überfüllen.
  • Handschuhe tragen, ruhig arbeiten, klare Entsorgungswege im Team festlegen.

Im Ernstfall dem Ablauf folgen

Im Stress will niemand lange überlegen. Die BGW stellt dafür einen Leitfaden „Stich- oder Schnittverletzungen" bereit, den ihr bestellen und im Team aushängen könnt: https://www.bgw-online.de/resource/blob/18154/8dd21ff096a7c4862b71242b5fc963f2/bgw09-20-002-risiko-nadelstich-leitfaden-data.pdf

Legt zusätzlich im Notfallplan fest, wer im Fall der Fälle wofür zuständig ist.

Hier findet ihr den Link zu einer Online-Unterweisung für das ganze Team: https://www.draco.de/online-fortbildungen/course/view.php?id=58 

Schnell handeln, sicher melden

Eine Nadelstichverletzung ist schnell passiert – und mit dem richtigen Ablauf genauso schnell richtig versorgt: Blutfluss fördern, desinfizieren, Arzt hinzuziehen, melden, dokumentieren. Wer das verinnerlicht hat, schützt im Ernstfall vor allem sich selbst.

Welche Prozesse habt ihr in eurer Praxis etabliert? Ist es bei euch schon einmal zu einem solchen Zwischenfall gekommen? Ich freue mich wie immer auf eure Erfahrungen aus dem Praxisalltag!

Viele Grüße 

Eure Steffi

Die Autorin Steffi, MFA/Wundexpertin (ICW)
Steffi Blog

Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten in einer dermatologischen Praxis, anschließend 5 Jahre im Praxisalltag als MFA tätig. Seit 2014 bei Dr. Ausbüttel (DRACO®). Wundexpertin (ICW) und bloggende MFA mit Leidenschaft.

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