Wenn die KI am Praxistelefon nervt: Warum künstliche Telefonassistenz manchmal mehr Ärger als Entlastung bringt
"Guten Tag, ich bin der digitale Assistent Ihrer Hausarztpraxis. Bitte schildern Sie kurz Ihr Anliegen nach dem Signalton." – Frau Krüger (78) atmet kurz durch, will eigentlich nur fragen, ob sie ihr neues Rezept schon abholen kann. Stattdessen spricht sie auf eine Maschine, wird zweimal nicht verstanden, legt genervt auf – und steht 20 Minuten später persönlich am Empfang.
Viele Praxen setzen auf künstliche Intelligenz (KI), weil das Telefon kaum noch zu bewältigen ist. Theoretisch soll die KI Anrufe vorsortieren, Anliegen aufnehmen und das Team entlasten. In der Praxis erleben wir MFA aber nicht selten das Gegenteil: Patientinnen und Patienten sind genervt, wichtige Informationen fehlen, Transkripte passen irgendwie nicht, vor allem beim Transkribieren der korrekten Medikation und Rückrufe häufen sich – und am Ende landet die Arbeit also doch wieder bei uns – im beschriebenen Beispiel in Person von Frau Krüger am Empfang bei euch in der Praxis.
In diesem Beitrag möchte ich euch zeigen, wo der Ärger eigentlich beginnt, welche typischen Probleme im Alltag auftreten und für welche Anliegen eine KI am Telefon auch heute noch ungeeignet ist.
Wo der Ärger beginnt: Erwartung trifft Realität
Der Ärger entsteht oft gar nicht durch die Technik allein, sondern durch falsche Erwartungen auf beiden Seiten:
- Patienten erwarten schnelle, persönliche Hilfe – und bekommen eine Computerstimme, die nach Stichworten fragt und im schlimmsten Fall Pausen macht, bei denen der Patient denkt, dass die Leitung abgebrochen ist. Im Anschluss wird zur Krönung der Familienname noch falsch wiederholt.
- Wir als Praxisteam erwarten endlich Entlastung – erhalten allerdings unvollständige oder unklare Nachrichten, die wir mühsam nachrecherchieren müssen. Familiennamen im Transkript, die wir genauso wenig zuordnen können, wie Hinweise zur Medikation.
Das Ergebnis: Beide Seiten sind frustriert. Die Patientin fühlt sich abgewimmelt, wir telefonieren am Ende doch hinterher. Statt weniger Aufwand entsteht plötzlich doppelte Arbeit – einmal die KI-Notiz lesen, einmal selbst nachhaken. Das ist nicht nur ineffizient, sondern auf Dauer auch ein echter Faktor, wenn es um Stress und Belastung im Praxisalltag geht.
An dieser Stelle mein Hinweis zu meinem Beitrag, wie ihr als MFA einen Burnout vermeiden könnt: https://www.draco.de/blog/burnout-als-mfa-vermeiden-stressfrei-durch-den-praxisalltag/
Typische Probleme, die uns im Alltag begegnen
Wenn ich mit Kolleginnen aus anderen Praxen spreche, höre ich immer wieder dieselben Klagen. Vielleicht erkennt ihr euch in dem einen oder anderen Punkt wieder:
- Patienten fühlen sich "abgewimmelt". Wer Sorgen hat, möchte einen Menschen am anderen Ende der Leitung hören.
- Ältere Menschen kommen mit Sprachmenüs schlecht zurecht. Gerade bei chronischen Erkrankungen oder einer laufenden Wundversorgung sind genau diese Patienten aber regelmäßig auf den Telefonkontakt angewiesen.
- Dialekte, Akzente oder Hintergrundgeräusche werden falsch verstanden. Ein Anruf vom Bahnhof oder aus dem Auto wird schnell zur Fehlerquelle.
- Dringende Anliegen werden nicht zuverlässig erkannt. Genau hier wird es kritisch – dazu unten mehr.
- Rückrufbitten sind unvollständig. Mal fehlt das Anliegen, mal die Rufnummer, manchmal auch beides.
- Namen, Telefonnummern oder Versicherungsdaten werden falsch erfasst. Bei der Weiterverarbeitung in der Karteikarte heißt das: zurück an den Anfang.
- Die KI stellt zu viele oder zu unpassende Fragen. Wer schon dreimal "nein" gesagt hat, legt beim vierten Mal einfach auf.
Unterm Strich kostet uns das oft mehr Zeit, als wenn wir den Anruf direkt selbst entgegengenommen hätten.
Für welche Anliegen eine KI am Telefon eher ungeeignet ist
Eine Telefon-KI kann für einfache Rezeptanforderungen, das Aufnehmen von Standard-Terminwünschen oder das Hinterlassen einer kurzen Nachricht außerhalb der Sprechzeiten sinnvoll sein. Es gibt aber Situationen, in denen sie definitiv nicht das richtige Werkzeug ist:
- Akute Beschwerden – plötzliche Schmerzen, blutende Wunden oder Verdacht auf Infektionen gehören in den direkten Kontakt mit dem Team, nicht in eine Sprachbox.
- Emotionale oder komplexe Anliegen – Angst vor einer Diagnose, Trauer, Überforderung mit der Therapie. Hier braucht es ein offenes Ohr.
- Unklare Symptome – wenn die Patientin selbst noch nicht weiß, was sie eigentlich hat, wird sie es einer KI erst recht nicht in drei Stichworten erklären können.
- Beschwerden über Behandlung oder Abrechnung – solche Themen eskalieren erfahrungsgemäß, wenn eure Patienten keine echte Person ans Telefon bekommen.
- Notfälle – das ist der heikelste Punkt überhaupt. Wenn die KI eine Notfallsituation nicht erkennt oder den Anrufer falsch routet, kann das ernste Folgen haben.
- Ältere oder technisch unsichere Patienten – sie verlieren am schnellsten die Geduld und kommen am Ende doch persönlich in die Praxis.
Wie ihr die KI sinnvoll einsetzen könnt – ohne dass sie nervt
Eine Telefon-KI kann als Werkzeug in passenden Situationen ausgewählt und richtig eingesetzt werden:
- Klar kommunizieren, wann die KI läuft. Zum Beispiel nur außerhalb der Kernsprechzeiten oder ausschließlich für Rezept- und Terminwünsche. Das lässt sich gut auf der Praxis-Website und im Wartezimmer aushängen.
- Notfall-Hinweis an den Anfang. Ganz am Anfang der Ansage sollte der Hinweis erfolgen: "Bei lebensbedrohlichen Notfällen wählen Sie bitte sofort die 112." Das ist nicht verhandelbar.
- Kurze, klare Menüs. Maximal drei bis vier Optionen. Wer länger zuhören muss, ist schon weg.
- Eine echte Ausstiegsoption."Drücken Sie die 0, um mit einer Mitarbeiterin verbunden zu werden" – diese Möglichkeit sollte es zumindest während der Sprechzeiten geben.
- Regelmäßige Qualitätskontrolle. Hört euch ein paar Mal pro Woche stichprobenartig die erfassten Nachrichten an. Wo hakt es? Welche Anliegen kommen falsch oder gar nicht durch?
KI am Praxistelefon ist kein Wundermittel – und sie ersetzt uns als MFA garantiert nicht. Sie kann uns entlasten, wenn sie für die richtigen Aufgaben eingesetzt wird: einfache, standardisierte, planbare Anliegen. Für alles andere – akute Beschwerden, emotionale Themen, Notfälle, ältere Patientinnen und Patienten – führt nichts an einer echten Stimme vorbei. Genau dort liegt unsere Stärke. Genau dort entscheidet sich, ob sich eure Patienten gut aufgehoben fühlen.
Setzt ihr in eurer Praxis schon eine KI am Telefon ein? Wo entlastet sie euch wirklich und wo nervt sie eher, statt zu helfen? Schreibt mir gerne in die Kommentare, ich bin sehr gespannt auf eure Erfahrungen.
Viele Grüße
Eure Steffi
PS: Hier eine super Übersicht zur digitalen Praxis: https://www.draco.de/digitale-praxis/