Kompressionsverband: 9 typische Fehler – und der Check danach
Bei der Kompressionstherapie entscheidet selten das Produkt über den Erfolg, sondern fast immer die Technik. Und ganz ehrlich: Wickeln lernt man nicht an einem Vormittag, sondern braucht praktische Anleitung und viel Übung.
Deshalb zeige ich euch in diesem Beitrag die neun Fehler an, die uns MFA im Praxisalltag am häufigsten unterkommen – von zu wenig bis zu viel Zug und bis zum Verband, der nach drei Tagen nur noch am Bein hängt. Plus der Check, den ihr nach jedem Anlegen machen solltet.
Die neun häufigsten Fehler
1. Kompression ohne ausreichende Abklärung. Der Klassiker – und der mit dem größten Schadenspotenzial. Vor der ersten Kompression muss die arterielle Durchblutung beurteilt sein. Kontraindiziert ist die Kompression in folgenden Situationen:
- bei fortgeschrittener pAVK (periphere arterielle Verschlusskrankheit), zum Beispiel bei einem Knöchel-Arm-Index unter 0,5 oder einem Knöchelarteriendruck unter 60 mmHg,
- bei dekompensierter Herzinsuffizienz (NYHA III–IV),
- Phlegmasia coerulea dolens, einer schweren Sonderform der Phlebothrombose und
- bei einer septischen Phlebitis.
Wichtig zu wissen: Der alte Lehrsatz „keine Kompression bei pAVK" gilt so nicht mehr. Bei leichter pAVK ist Kompression in der Regel gut verträglich – dann aber eher unelastisch und mit reduziertem Druck. Die Entscheidung trifft der Arzt, die Aufgabe von uns MFA ist es, nicht ungefragt loszuwickeln.
2. Zu hoher Druck. Fest gewickelt ist nicht gleich gut gewickelt. Zu viel Druck schnürt ab, verursacht Nekrosen an Knöchel und Schienbeinkante und sorgt außerdem dafür, dass der Patient den Verband abends selbst aufschneidet. In der Entstauungsphase liegt der Zielbereich bei 40 bis 60 mmHg; bei Schmerzen oder Begleiterkrankungen kann mit etwa 20 mmHg begonnen werden.
3. Zu geringer Druck. Der unauffälligere, aber häufigere Fehler. Ein zu locker sitzender Verband entstaut nicht, rutscht und kostet trotzdem Zeit, Material und Patientengeduld. Wenn nach drei bis vier Wochen keine Umfangsabnahme messbar ist, liegt es oft schlicht am Anlagedruck. Regelmäßiges Üben verbessert die erreichten Drücke nachweislich – das ist keine Talent- sondern eine Fleißfrage.
4. Falten, Schnürfurchen und Druckkanten. Eine Falte wirkt wie eine Schnur: Der Druck verteilt sich nicht mehr auf die Fläche, sondern konzentriert sich auf eine Linie. Deshalb jede Tour glatt ausstreichen und darauf achten, dass die Bindenbreite nicht größer ist als der Durchmesser des Beins – zu breite Binden lassen sich am schmalen Knöchel gar nicht faltenfrei führen.
5. Fuß und Ferse werden nicht richtig einbezogen. Wer am Knöchel anfängt, schiebt das Ödem in den Fuß. Der Verband beginnt am Zehengrundgelenk, Fußrücken und Ferse werden mit zwei bis drei Touren eingeschlossen. Und: Der Fuß gehört während des Wickelns in den 90-Grad-Winkel zur Wade – sagt es dem Patienten aktiv, sonst hängt er entspannt herunter, und im Stehen entsteht prompt eine Falte am Sprunggelenk.
6. Falsches Material für die Situation. Kurzzugbinden haben einen hohen Arbeitsdruck und einen niedrigen Ruhedruck – sie wirken über die Muskelpumpe und brauchen einen Patienten, der aktiv ist und läuft. Langzugmaterial hat es umgekehrt: hoher Ruhedruck, wenig Arbeitsdruck. Bei immobilen Menschen ist das ungünstig bis gefährlich. Für die Entstauung eignen sich Kurzzugbinden, Mehrkomponentensysteme und adaptive Bandagen, für die Erhaltungsphase Ulkus-Strumpfsysteme.
7. Keine Polsterung an gefährdeten Stellen. Schienbeinkante, Knöchel, Achillessehne und Fußrücken haben wenig Weichteilpolster – genau dort entstehen Druckschäden. Deshalb Schaumstoff- oder Wattebinde als Unterpolsterung und ein Schlauchverband als Reibungsschutz. Bei bekannter pAVK oder Neuropathie gilt das doppelt.
8. Der Verband endet an der falschen Stelle. Nach oben: zwei bis drei Fingerbreit unterhalb der Kniescheibe, nicht in die Kniekehle. Endet der Verband zu weit unten, entsteht am oberen Rand ein Schnürring, an dem sich das Ödem staut. Nach unten gilt Punkt 5.
9. Die Kompression wird nicht an die Entstauung angepasst. Das ist der Fehler, der erst nach dem Tagen sichtbar wird: Das Bein nimmt an Umfang ab, der Verband wird locker, rutscht – und die Entstauung stagniert. Kurzzugbinden sollten deshalb in der Entstauungsphase täglich neu angelegt werden. Wöchentliche Umfangsmessungen an Knöchel und Wade machen den Fortschritt sichtbar. Nach drei bis vier Wochen sollte die Entstauung abgeschlossen sein.
Der Check nach dem Anlegen
Nach dem Anlegen ist die Kontrolle genauso wichtig wie die Technik selbst. Hier eine Checkliste für euch mit zehn Fragen:
- Sitzt der Verband faltenfrei?
- Gibt es Schnürfurchen?
- Sind die Zehen warm und gut durchblutet?
- Hat der Patient Schmerzen, Kribbeln oder Taubheit?
- Rutscht der Verband beim Gehen? (Kurz auf und ab gehen lassen)
- Ist der Fuß einbezogen?
- Ist die Wundauflage sicher bedeckt?
- Gibt es Druckstellen an Knöchel, Schienbein oder Fußrücken?
- Kann der Patient seine Schuhe tragen?
- Wurde alles dokumentiert?
Die letzte Frage wirkt bürokratisch, ist aber die wichtigste für den weiteren Verlauf: Nur wer Material, Anlagetechnik und Umfangsmaße notiert, kann später beurteilen, ob es besser wird – oder warum eben nicht. Eine gute Wunddokumentation mit Fotos kann auch den Patienten helfen, Erfolge sichtbar zu machen und die Adhärenz zu verbessern! Einen Lesetipp dazu gibt es weiter unten.
Wenn ihr sie noch nicht kennt, solltet ihr das nachholen: die Draco WundDoku App hilft, die Dokumentation der Wundheilung schnell, einfach, datenschutzkonform und leitliniengerecht umzusetzen: WundDoku App
Warnzeichen: Wann der Verband sofort runter muss
Nach der Anlage etwa 20 Minuten abwarten. Klagt der Patient danach über eines dieser Zeichen, wird der Verband sofort entfernt und der Arzt informiert:
- Schweißausbruch und Kurzatmigkeit
- Taubheitsgefühle und Missempfindungen
- Blau- oder Weißfärbung der Zehen
- stärker werdende Schmerzen
- akute Bewegungseinschränkung
Diese Liste gehört ausgedruckt an die Wand des Behandlungszimmers – und in verständlicher Sprache mit nach Hause. Denn zu Hause ist niemand mehr da, der die Zehen anschaut.
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Sicher wickeln lernt man nicht aus dem Buch
Kompression ist Handwerk – und Handwerk lernt man am besten, indem man jemandem zusieht.
In DRACO WUNDE+ findet ihr hilfreiche Fortbildungsvideos
- die dreiteilige Videoreihe Kompression – Grundlagen der Kompressionstherapie und,
- Kompression – Gewusst wie: Kompression in der Entstauungsphase – jeweils mit Teilnahmebescheinigung.
Welcher dieser Fehler begegnet euch am häufigsten – und habt ihr einen Trick, mit dem ihr ihn abgestellt habt? Ich freue mich wie immer auf eure Erfahrungen!
Viele Grüße
Eure Steffi