Warum Patienten Kompression ablehnen – und wie ihr sie trotzdem überzeugt
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Warum Patienten Kompression ablehnen – und wie ihr sie trotzdem überzeugt

„Ja, natürlich habe ich die Strümpfe bekommen. Die sind aber so unangenehm zu tragen. Ich habe sie drüben in den Schrank gelegt.“ So etwas haben wir vermutlich alle so oder so ähnlich schon gehört. Und dann hat man ein Bein vor sich, das sich seit Wochen nicht bessert. Spätestens dann wissen wir auch, warum. Kompression ist die Basistherapie beim Ulcus cruris venosum, das ist unbestritten. Aber sie wirkt eben nur am Bein, nicht im Schrank. Das unregelmäßige Tragen in der Erhaltungsphase ist die häufigste Ursache für einen ausbleibenden Therapieerfolg.

Die gute Nachricht: Hinter der Ablehnung steckt fast nie Bequemlichkeit. Meistens steckt ein konkretes, lösbares Problem dahinter – wir müssen es nur finden.

In diesem Beitrag möchte ich euch mögliche Gründe aufzeigen, warum Patienten Kompression ablehnen, wie ihr genau diese Gründe herausfindet und mit welchen Argumenten ihr eure Patienten eventuell noch „herumkriegen“ könnt. Dazu habe ich zum Schluss noch ein paar Alltagstipps für euch.

Warum Patienten Kompression ablehnen

In der Praxis begegnen uns immer wieder dieselben Muster:

  • Es tut weh oder schnürt ein. Häufig ein Zeichen für eine falsche Größe, einen falschen Sitz, eine zu hohe Kompressionsklasse – oder für Falten und Einschnürungen am Sprunggelenk. Das ist ganz klar kein Grund, den ihr „wegreden“ könnt – hier muss gründlich fachlich geprüft werden.
  • Sie bekommen die Strümpfe nicht an. Eingeschränkte Fingerkraft, Arthrose, Adipositas, schlechte Beweglichkeit: Wer sich nicht bis zum Fuß beugen kann, scheitert schon vor dem ersten Zentimeter.
  • Es ist zu warm. Der Klassiker im Sommer – und der Grund, warum viele Beine ab Juni „Pause machen“.
  • Sie sehen keinen Nutzen. Das Ödem ist weg, das Ulkus verheilt – warum dann weitertragen? Der Präventionsgedanke ist vielen nicht klar. Hier hilft Aufklärung zu diesem Punkt.
  • Optik und Scham. Gerade bei jüngeren Patientinnen und Patienten und bei Männern spielt das Aussehen eine viel größere Rolle, als offen angesprochen wird. Wenn dieser Punkt offen angesprochen ist, bieten sich in vielen Fällen optisch schöne Alternativen an.
  • Falsche Vorstellungen. „Das schnürt mir doch die Durchblutung ab.“ Solche Überzeugungen sitzen tief – und lassen sich nur korrigieren, wenn wir sie kennen.
  • Fehlendes Wissen. Viele wissen schlicht nicht, wie der Strumpf gepflegt wird, wann er ersetzt gehört oder wann er getragen werden muss.

Motivierende Beratung: verstehen statt belehren

Der erhobene Zeigefinger funktioniert nicht. Furcht-Appelle sind glücklicherweise nicht mehr zeitgemäß und führen sowieso meistens zum Gegenteil: Das Risiko wird heruntergespielt, es entsteht Widerstand. Was tatsächlich hilft, ist ein Gespräch auf Augenhöhe – genau das meint der Begriff Adhärenz im Unterschied zur alten „Compliance“. (Eine kleine Auffrischung findet ihr hier: Adhärenz)

Fragt offen und ohne Wertung. Statt „Sie tragen die Strümpfe aber schon, oder?“ lieber: „Wie kommen Sie mit den Strümpfen zurecht?“ oder „An welchen Tagen klappt es gut, an welchen nicht?“ Erst diese Antworten zeigen, ob es an Schmerz, Handkraft, Hitze oder Überzeugung liegt – und jede Ursache braucht eine andere Lösung.

Nutzen patientennah erklären. Fachbegriffe helfen niemandem. Was ankommt, sind Bilder und Alltagsbezüge:

  • „Der Strumpf ist die Muskelhilfe für Ihre Venen – er drückt das Blut nach oben, damit es nicht in den Beinen versackt.“
  • „Solange der Strumpf sitzt, geht die Schwellung zurück. Ohne ihn kommt sie über Nacht wieder.“
  • „Die Wunde ist zu – der Strumpf sorgt jetzt dafür, dass sie zubleibt.“

Der letzte Punkt ist der entscheidende. Vielen ist nicht bewusst, dass die Kompression in der Erhaltungsphase der Rezidivprophylaxe dient. Wer das versteht, sieht den Strumpf nicht mehr als Strafe, sondern als Absicherung.

Kleine Ziele statt Alles-oder-nichts. „Sie müssen den Strumpf jeden Tag von morgens bis abends tragen“ ist fachlich richtig – und für jemanden, der ihn gerade gar nicht trägt, eine unerreichbare Hürde. Realistischer ist ein gemeinsam vereinbartes Zwischenziel: erst mal vormittags, erst mal an fünf Tagen die Woche, erst mal die nächsten drei Wochen bis zur Kontrolle. Konkrete, gemeinsam formulierte Ziele werden nachweislich besser umgesetzt als von jemand anderem vorgeschriebene. Und der erste Erfolg – ein sichtbar schlankeres Bein, ein leichteres Gefühl abends – motiviert stärker als jedes Argument von uns.

Haltet die Vereinbarung schriftlich fest und fragt beim nächsten Termin gezielt danach. Was nicht nachgefragt wird, wirkt unwichtig.

Praktische Alltagstipps für Patienten

  • Anziehen erleichtern: Anziehhilfen, Gleitsocken und Gummihandschuhe machen aus einem Kampf eine Routine – und schonen zusätzlich das Material. Sechs erprobte Kniffe haben wir hier gesammelt: Kompressionsstrümpfe anziehen: 6 Hacks von MFA für Patienten
  • Morgens anziehen: Direkt nach dem Aufstehen, solange das Bein noch einigermaßen schlank ist. Je später am Tag, desto mühsamer wird es.
  • Angehörige einbeziehen: Partner oder Kinder können beim Anziehen helfen und erinnern – das entlastet enorm.
  • Bewegung unter Kompression: Fußkreisen und -wippen aktivieren die Wadenmuskelpumpe und verbessern die Wirkung. Als Merkhilfe eignet sich die 3S-3L-Regel: Sitzen und Stehen ist schlecht, lieber Laufen und Liegen.
  • Sommer entschärfen: Atmungsaktive, feuchtigkeitsableitende Materialien, luftige Kleidung, direkte Sonne auf den Beinen vermeiden und kühlende Sprays machen die Hitzemonate erträglich. Mehr zu Kompression im Sommer findet ihr hier: Wundversorgung bei Hitze
  • Zwei Paar nutzen: Ein Paar am Bein, eines in der Wäsche. Ausgeleierte Strümpfe wirken nicht mehr und gehören ersetzt.
  • Ans Sanitätshaus verweisen: Sitz, Größe und Modell gehören dort geprüft. Sitzt der Strumpf falsch, ist keine Motivation der Welt die richtige Antwort.

Und was ist mit Kompressionsleggings? Die tauchen im Hilfsmittelverzeichnis tatsächlich auf – allerdings als flachgestrickte Maßanfertigungen für die Ödemtherapie, die meist zusätzlich zu Strümpfen getragen werden. Als niedrigschwelliger Ersatz beim Ulcus cruris venosum taugen sie nicht, und Sport-Leggings aus dem Handel erst recht nicht. 

Wer die erste Hürde abbauen will, fährt mit adaptiven Klett-Kompressionssystemen oder Ulkus-Strumpfsystemen deutlich besser – die sind auch mit wenig Handkraft zu bedienen.

Kompression wirkt – aber nur, wenn sie auch getragen wird

Am Ende entscheidet nicht die Verordnung über den Therapieerfolg, sondern das, was zu Hause passiert. Unsere stärkste Rolle ist deshalb nicht den Zeigefinger zu heben, sondern Herausforderungen und Bedürfnisse zu erfahren, also: zuhören, das eigentliche Hindernis finden, den Nutzen in die Alltagssprache eurer Patienten übersetzen und ein Ziel vereinbaren, das machbar ist. Oft ist die Lösung überraschend einfach – eine Anziehhilfe, eine andere Größe, ein leichteres Sommermodell.

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Was ist euer bester Satz, wenn jemand die Kompression ablehnt? Und welcher Trick hat bei euch schon Beine gerettet? Ich freue mich wie immer auf eure Erfahrungen aus dem Praxisalltag!

Viele Grüße 

Eure Steffi

Die Autorin Steffi, MFA/Wundexpertin (ICW)
Steffi Blog

Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten in einer dermatologischen Praxis, anschließend 5 Jahre im Praxisalltag als MFA tätig. Seit 2014 bei Dr. Ausbüttel (DRACO®). Wundexpertin (ICW) und bloggende MFA mit Leidenschaft.

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