Kompressionsstrümpfe anziehen: 6 Hacks von MFA für Patienten
Praxisalltag

Kompressionsstrümpfe anziehen: 6 Hacks von MFA für Patienten

Kompressionsstrümpfe anziehen? Ein absoluter Albtraum für viele Patienten. Als MFA kennt ihr das: „Das schaffe ich nicht mehr!“ – Frau Meier (72) kämpft seit 20 Minuten mit ihrem Kompressionsstrumpf CCL 2. Beine rot, Schweißausbruch, Tränen in den Augen und keine Kraft mehr in den Händen. Ihr wisst das aus der Praxis: Kompressionsstrümpfe sind essenziell, aber das Anziehen scheitert häufig auch an einer Fehlanwendung. Mit unseren Hacks wird’s deutlich leichter – und die Therapieadhärenz steigt enorm. 

Warum Kompressionsstrümpfe und Anzieh-Hacks zählen

Kompressionsstrümpfe sind Standard bei Venenschwäche, Thromboseprophylaxe und Lymphödemen. Sie fördern den Venenrückfluss, reduzieren Schwellungen und verhindern Ulzera. Doch 50% der Patienten geben auf – weil sie am Anziehen der Strümpfe scheitern. Als MFA seid ihr die Expertinnen: Mit gezielten Hacks könnt ihr eure Patienten motivieren, die Therapie durchzuziehen. 

Zwei Kompressionsarten – Basics verstehen und besser beraten

Als MFA trefft ihr täglich Patienten mit unterschiedlichen Kompressionsbedürfnissen. Die Wahl zwischen flachgestrickten und rundgestrickten Strümpfen hängt von Indikation, Komfort und Anziehfähigkeit ab. Hier die praxisnahe Unterscheidung:

Flachgestrickte Strümpfe (medizinische Hochleistung)

Diese Strümpfe werden wie ein flaches Tuch auf einer Maschine gestrickt und nahtlos zu einem Schlauch vernäht. Sie bieten die therapeutisch höchste Präzision mit exaktem Druckverlauf (stärkste Kompression am Knöchel, abnehmend nach oben).

Für welche Patienten sind sie ideal?

  • Schwere Veneninsuffizienz (C4–C6 nach CEAP – hier mehr zur CEAP-Klassifikation: https://www.draco.de/ceap/), offene Ulzera, Lymphödeme
  • Postthrombotisches Syndrom, Lymphdrainage
  • Kompressionsklassen (CCL) 2 bis 4 (23–>49 mmHg, Druck)

Vorteile: Maßanfertigungen sind hier – insbesondere für schwere Fälle mit Ulzera und Ödemen – üblich, flache Nähte verhindern Druckstellen und diese Kompressionsversorgung hat die höchste medizinische Wirksamkeit.


Herausforderungen: Steiferes Material, deutlich schwerer anzuziehen. Hierbei sind Anziehhilfen daher zwingend empfohlen.


Tipp für MFA:Bei starken Ödemen immer flachgestrickte Strümpfe vorziehen und wir zeigen Ihnen die Hilfsmittel, damit das funktioniert!

Rundgestrickte Strümpfe (Alltags-Komfort)

Auf Rundstrickmaschinen nahtlos gefertigt, ähnlich konfektionierten Strumpfhosen. Sie bieten gute Alltagstauglichkeit bei moderater Kompression.

Für welche Patienten sind sie ideal?

  • Leichte/mittlere Veneninsuffizienz (C1–C3 nach CEAP), Krampfaderprophylaxe
  • Schwangerschaft, Reisen, Sport, orthostatische Hypotonie
  • Kompressionsklassen (CCL) 2 - 3 (18–32 mmHg, Druck)

Vorteile: Die Strümpfe haben einen eher weichen, elastischen Tragekomfort und sind vergleichsweise einfacher anzuziehen. Sie sind günstiger, optisch unauffällig und erhältlich nach Konfektionsgröße.


Herausforderungen: Es gibt eine weniger präzise Druckabstufung, da es sich um Standardgrößen handelt. Bei schweren Fällen sind sie daher unzureichend wirksam.


MFA-Tipp: Für leichte bis mittlere Beschwerden, den Berufseinsatz oder erste Beschwerden perfekt. Gibt es auch in schicken Farben!

Anzieh-Hacks – MFA-Tipps, die eure Patienten zu schätzen wissen

Hier die besten Techniken – Schritt für Schritt erklärt und warum sie funktionieren (für Fuß und Bein gleichermaßen wie für Hand und Arm):

Hack 1: Abends vorbereiten, morgens anziehen

Warum hilfreich? Die Beine entspannen sich nachts und der Druck geht durch die ebene Lagerung aus den Beinen, am Morgen sind die Beine schlank (es hat sich noch kein Tagesödem entwickelt durch langes Sitzen, Stehen oder Laufen) – der Strumpf ist also leichter anzuziehen. 
Anleitung:Abends schon die Strümpfe vorbereiten und vorab den Strumpf auf links drehen (Ferse markieren). Morgens die Beine vor dem Anziehen 5-10 Minuten hochlagern, dann kann es losgehen.

Hack 2: Gummihandschuhe, bestenfalls mit Noppen, verwenden

Warum hilfreich? Die Gummihandschuhe verhindern ein Rutschen und die Hände gleiten nicht weg – besonders bei arthrotischen Fingern Gold wert. Noppen (Haushalts- oder Arbeitshandschuhe) erhöhen den Grip deutlich!
Anleitung: Einmalige OP-Handschuhe (Apotheke < 5 €/100 Stück) oder Noppen-Gummihandschuhe (Baumarkt < 5 €/Stück) überziehen, den Strumpf greifen, aber nicht die Fingernägel einsetzen.

Hack 3: Plastiktüte unter den Fuß (für vorne offene Strümpfe)

Warum hilfreich? Reduziert die Reibung am Fersenbereich um 80% und der Strumpf gleitet wie auf Eis. Ideal bei empfindlicher Haut oder Ödemen.
Anleitung: Die dünne Einmalplastiktüte (egal ob Müllbeutel oder Gefrierbeutel – aber ohne Zipper!) wird unter den Fuß und über die Ferse geleg, die „Spitze“ der Plastiktüte wird von unten zwischen den großen Zeh und „Zeige-Zeh“ geklemmt, sodass ein Ende der Tüte oben „herausschaut“. Den Strumpf anziehen, nach und nach über die Ferse schieben, Tüte rausziehen – fertig!

Neben der Plastiktüte gibt es auch spezielle Anziehhilfen für geschlossene Strümpfe (siehe unten).

Hack 4: Rollen und streichen statt ziehen

Warum hilfreich? Führt zu gleichmäßigem Druckaufbau, es kommt zu weniger Verrutschen und vor allem Knicken. Falten werden vermieden, die sonst zu Druckstellen führen.
Anleitung:Strumpf aufrollen, Fuß einführen und dann den Strumpf nach und nach hoch „streichen“ oder vorsichtig rollend hochziehen – nie „hochzerren“.

Hack 5: Im Sitzen anziehen, Beine hochlagern

Warum hilfreich? Die Schwerkraft hilft, das Ödem zu minimieren – es reduziert Anstrengung um 50%. Im Sitzen ist auch der Rumpf besser stabilisiert. Sollte Schwindel auftreten, zwischendurch Pausen einlegen. Kompressionsstrümpfe anziehen ist kein Wettbewerb, sondern wichtig für die eigene Gesundheit. Da darf man sich Zeit nehmen.
Anleitung: Stuhl mit Armlehnen wählen, Beine aufs Bett hochlegen. 5-10 Minuten hochlagern, dann anziehen.

Hack 6: Produkte zur Unterstützung (mit Kostenfaktor)

Hilfsmittel aus der Apotheke/Sanitätshaus (Kosten 20–100 €):

  • Hautpflegendes Gel: Silikonfrei, hautverträglich (5–15 €/Tube) – gleitet ohne Rückstände.
  • Anziehhilfen: Ein Metall- oder Plastikrahmen (30–60 €) auf den der Strumpf übergestülpt wird. Dann zieht man die Anziehhilfe mit dem Strumpf über das Bein.
  • Fußgleiter: Die professionelle Form der o.g. Plastiktüte (10-30 €), teilweise mit einem Band, um die Anziehhilfe leichter unter dem Strumpf herauszuziehen.


Tipp:Ab einer CCL von 2+ übernehmen die Krankenkasse bei Rezept auch eventuelle Hilfsmittel für ein vereinfachtes Anziehen.

So erkennt man: Der Strumpf sitzt richtig!

Checkliste nach dem Anziehen:

  • Keine Falten oder Knitter (Gibt sonst Druckstellen!)
  • Bündchen 2 Fingerbreit unter der Kniekehle, der Leiste etc. (es darf an einer Beugestelle nicht einschneiden)
  • Zehen sind frei beweglich, Nägel sind nicht gedrückt
  • Naht (bei flachgestrickten Strümpfen) ist gerade am Unterschenkel
  • Kompression gleichmäßig (keine „Quetschstellen")
  • Selbst-Test: Der Patient kann 3x den Fuß kreisen ohne Schmerzen

MFA-Tipp: Lasst euren Patienten vorab mit euch gemeinsam üben – „Zeigen Sie mir, wie Sie's machen!“

Mit diesen Anzieh-Hacks helft ihr euren Patienten beim Therapieerfolg. Die Kompressionsversorgung wirkt nur, wenn sie richtig sitzt – eure MFA-Hacks sind der Schlüssel dafür. Mit Vorbereitung, Hilfsmitteln und Checks werdet ihr zur „Strumpf-Queen“ in der Praxis. Eure Patienten bleiben dran, die Komplikationen sinken und Dankbarkeit steigt. 

Ihr wollt euch fit machen in der Kompressionsversorgung? Dann schaut einmal hier in der Mediathek vorbei: https://www.draco.de/mediathek/detailansicht/kompression-grundlagen-der-kompressionstherapie/

Welche weiteren Tipps und Tricks habt ihr noch parat? Teilt sie gerne in der Kommentarfunktion! Eure Kolleginnen und Kollegen werden es euch danken.

Viele Grüße

Eure Steffi 

Die Autorin Steffi, MFA/Wundexpertin (ICW)
Steffi Blog

Nach der Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten in einer dermatologischen Praxis für 5 Jahre im Praxisalltag als MFA, seit 2014 bei Dr. Ausbüttel (DRACO®). Wundexpertin (ICW) und bloggende MFA mit Leidenschaft.

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