Mehr Verantwortung für die Pflege – Chancen und Grenzen
Hochqualifizierte Pflegefachkräfte können einen Teil der ärztlichen Aufgaben problemlos übernehmen. Das hat ein aktueller Cochrane-Review gezeigt. Strukturelle Probleme führen jedoch dazu, dass das Potenzial nicht ausgeschöpft wird.
In vielen Ländern übernehmen Pflegekräfte bereits medizinische Aufgaben, ohne dass sich Sterblichkeit, Sicherheit oder Lebensqualität der Patientinnen und Patienten verschlechtert hätten. Das hat ein aktueller Cochrane-Review gezeigt. Die Forschenden werteten 82 Studien mit insgesamt über 28.000 Teilnehmenden aus.
Das wichtigste Ergebnis: Unter guten Rahmenbedingungen behandeln qualifizierte Pflegefachpersonen ihre Patientinnen und Patienten genauso sicher wie Ärztinnen und Ärzte. Besonders viele Daten stammen aus Großbritannien und den Niederlanden, wo erweiterte Pflegekompetenzen seit Jahren fest verankert sind.
Ergebnisse nicht direkt auf Deutschland übertragbar
Fachleute betonen, dass diese Ergebnisse langjährige internationale Erfahrungen widerspiegeln. Gleichzeitig verweisen sie auf große Unterschiede zu Deutschland. In vielen europäischen Ländern sei die Akademisierung unter den Pflegefachkräften stärker verbreitet, weswegen sie im Vergleich mit Deutschland in anderen Rollen arbeiten könnten. In Deutschland fehlten solche etablierten Strukturen noch weitgehend, weshalb sich die Ergebnisse nur eingeschränkt übertragen ließen.
In den Studien wurden unterschiedliche Versorgungsmodelle berücksichtigt. Sie reichen von einer pflegerischen Stationsleitung mit medizinischen Entscheidungsbefugnissen bis hin zur Betreuung hochkomplexer Patientengruppen, etwa nach Herzoperationen. In diesen Szenarien entscheiden Pflegefachpersonen häufig sehr eigenständig. Im Vergleich dazu definiert das neue BEEPGesetz in Deutschland nur einen begrenzten Katalog an ärztlichen Tätigkeiten, die Pflegefachkräfte übernehmen dürfen, und knüpft sie zusätzlich an ärztliche Erstverordnungen – das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege ist zu Jahresbeginn in Kraft getreten.
Gut oder schlecht für den Fachkräftemangel?
Expertinnen und Experten warnen zudem vor falschen Hoffnungen: Wenn Pflegefachpersonen zusätzliche ärztliche Aufgaben übernähmen, entlaste dies zwar die Ärzte und Ärztinnen, verschärfe aber unter Umständen den bestehenden Personalmangel in der Pflege. Demgegenüber steht die Hoffnung, dass der Pflegeberuf durch eine Erweiterung der Kompetenzen attraktiver werde und sich in der Folge die Zahl der Beschäftigten erhöhe.
Tipps für Pflegefachkräfte
- Nutzen Sie jede Fort- und Weiterbildung, die Ihre Kompetenzen erhöht.
- Bei Ihnen hat sich in der Praxis seit Jahresbeginn noch nichts verändert? Besprechen Sie das Thema im Team. Fordern Sie dann klare Regelungen zu den neuen Befugnissen und Zuständigkeiten ein.
- Dokumentieren Sie neue Tätigkeiten sorgfältig und thematisieren Sie Unsicherheiten sofort im Team.