Wenn Patienten ängstlich sind: Anregungen für MFA mit Einfühlungsvermögen
Praxisalltag

Wenn Patienten ängstlich sind: Anregungen für MFA mit Einfühlungsvermögen

Der Arztbesuch ist für viele Patienten eine belastende und angstauslösende Situation. Das Verständnis für die verschiedenen Ängste, mit denen Patienten ins Wartezimmer kommen können, ist für Medizinische Fachangestellte (MFA) essenziell. Nur wenn Ängste frühzeitig erkannt und verstanden werden, kann man gezielt und mit der nötigen Empathie darauf eingehen und so den Behandlungserfolg fördern sowie die Patientenbindung stärken. 

In diesem Artikel gebe ich euch einen Überblick über die verschiedenen Ängste, mit denen Patienten sich in ihrem Leben konfrontiert sehen können. Ich zeige praxisnahe Beispiele auf, wie ihr als MFA unterstützend und kommunikativ tätig werden könnt. Jede Angst birgt individuelle Herausforderungen, doch es gibt Strategien, um Ängste zu mindern und das Vertrauen in die Arztpraxis zu stärken.

Angst vor Ärzten

Viele Patienten fürchten sich vor medizinischem Personal aufgrund negativer (Vor-)Erfahrungen, Schmerzangst oder Kontrollverlust. Die Angst vor Ärzten, auch krankhafte Arztphobie (Iatrophobie) genannt, reicht von leichter Nervosität bis hin zu ausgeprägter Panik. Diese Angst führt nicht selten dazu, dass Arztbesuche grundsätzlich vermieden werden. Für eine rechtzeitige Diagnostik und einen frühzeitigen Behandlungsbeginn ist das natürlich von Nachteil für die betroffenen Patienten. Symptomatisch zeigen sich Gereiztheit, Übelkeit, Herzrasen oder Schlaflosigkeit.

Tipps für MFA:

  • Der Erstkontakt sollte über eine MFA erfolgen und nicht über einen Arzt btw. eine Ärztin.
  • Ihr solltet eine ruhige, freundliche Ansprache wählen und aktiv zuhören.
  • Beantwortet Fragen geduldig und erklärt die anstehenden Behandlungsabläufe verständlich. Versucht auch zu erklären, warum welcher Behandlungsschritt notwendig ist und was ihr damit an Informationen erhaltet, die wichtig für euren Patienten sind.
  • Weist auf das Angebot hin, mit einer Begleitperson zu den Arztterminen zu erscheinen.
  • Falls die Information über einen Patienten mit Iatrophie durch einen Angehörigen an euch herangetragen wird, könnte ein Hausbesuch helfen. Im häuslichen Setting kann dann auch die Berufskleidung abgelegt werden, um visuell keine zusätzlichen und vermeidbaren Ängste zu schüren.

Angst vor Ansteckungen

Gerade in Zeiten von Pandemien oder saisonalen Infekten steigt die Angst vor Infektionen in der Praxis. Dies kann dazu führen, dass sich Patienten in Wartezimmern oder bei körperlichen Untersuchungen unwohl oder bei ausgeprägter Angst und Tendenz zur Hypochondrie regelrecht bedroht fühlen.

Tipps für MFA:

  • Stellt Hygienemaßnahmen sichtbar und transparent dar.
  • Informiert Patienten über Schutzmaßnahmen.
  • Ermöglicht das Warten in getrennten Bereichen.
  • Gestaltet eure Sprechzeiten so, dass Patienten mit ansteckenden Infektionskrankheiten zu Randzeiten einbestellt werden. 

Angst vor Untersuchung, Behandlung oder Operation

Die Unsicherheit darüber, was genau bei einer Untersuchung, Behandlung oder während einer Operation passiert, und die Angst vor möglichen Schmerzen oder Komplikationen machen viele Patienten nervös. Dies kann den Ablauf verzögern oder sogar den Therapieerfolg gefährden.

Tipps für MFA:

  • Vorab und im Behandlungsverlauf verständlich erklären, was passieren und wie sich der nächste Schritt vermutlich anfühlen wird. Dabei solltet ihr nicht nur das zu erwartende Gefühl am/im Körper, sondern auch mögliche Geräusche oder Gerüche erklären und ankündigen.  
  • Kleine Pausen während der Behandlung anbieten und darauf hinweisen, was schon geschafft ist.
  • Beruhigende Techniken wie Atemübungen vorschlagen.
  • Zwischendurch die Stimmung durch kleine Späße auflockern oder eine unverfängliche, unterhaltsame Alltagsgeschichte erzählen, um den Patienten abzulenken.

Angst vor der Narkose/Betäubung

Viele Patienten fürchten neben der eigentlichen Operation besonders die Narkose. Die Angst vor Kontrollverlust oder möglichen Nebenwirkungen ist groß, da das Unbekannte hier überwiegt und man die gesamte Verantwortung über sich selbst an das „fremde“ Operationsteam abgibt. 

Tipps für MFA:

  • Nachfragen, welche Sorgen konkret bestehen.
  • Informationen aus professioneller Quelle bereitstellen.
  • Patient zur Anästhesie-Aufklärung ermutigen und Nachfragen fördern.
  • Während der Vorbereitung auf die Narkose alle Schritte erläutern.
  • Den Patienten auffordern, davon zu erzählen, worauf er sich am meisten freut, wenn er wieder zu Hause ist. Dabei kann bspw. die Narkose eingeleitet werden.

Angst vor dem Unbekannten oder vor Kontrollverlust

Die Unwissenheit über den Behandlungsablauf, eine Operation oder auch Diagnose erzeugt Unsicherheit und Angst. Der Patient fühlt sich seinem „Schicksal“ ausgeliefert.

Tipps für MFA:

  • Offene und umfassende Informationen geben.
  • Patienten so weit wie möglich in Entscheidungen einbinden.
  • Visuelle Hilfsmittel (Flyer, Bilder) nutzen.
  • Ausreichend Raum für Gesprächsangebote vor dem Termin schaffen.
  • Klar kommunizieren, was im Ablauf geschieht.
  • Vertrauen durch stete Anwesenheit und Begleitung schaffen.
  • Ideal ist es, wenn das Team in der Arztpraxis es schafft, eine persönliche Beziehungsebene zum Patienten aufzubauen. Dieses Vertrauen hilft im gesamten Therapieprozess. 

Schamgefühl und Unsicherheit

Scham, Körperbild und Unsicherheit können Barrieren bilden. Manche Patienten empfinden ihren Körper oder ihre Erkrankung als peinlich. Sie verbergen Symptome oder fühlen sich in der Praxis unwohl. Dies trifft beispielsweise auf entstellende, nässende oder auch riechende Wunden zu.

Tipps für MFA:

  • Diskretion und Sensibilität wahren.
  • Patienten nicht drängen, sondern behutsam begleiten.
  • Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre bieten.
  • Schulungen für MFA können hilfreich sein, um noch mehr über einen sensiblen Umgang, beispielsweise mit Wunden, zu erlernen. Hier findet ihr verschiedene Fortbildungen, auch zum Wundmanagement: https://www.draco.de/fortbildungen/ 

Angst vor Spritzen

Die Angst vor Nadeln ist weit verbreitet und oft auch mit Schmerz- und Kontrollverlustängsten verknüpft. Die Nadelangst hatte ich schon in meinem Blog thematisiert, schaut einmal hier: https://www.draco.de/blog/angst-vor-spritzen

Tipps für MFA:

  • Ablenkungstechniken einsetzen (z. B. Gespräch, Atemtechnik).
  • Erklären, was passiert, um Überraschungen zu vermeiden.
  • Kleinere Nadeln verwenden und vorher ein lokales Betäubungsmittel auf die Stelle auftragen.
  • Sanfte und gezielte Handhabung der Nadel.

Angst vor Schmerzen

Erwartete oder frühere Schmerzen führen zu Angst vor Untersuchungen oder Behandlungen. Die erwarteten Unannehmlichkeiten und Vorstellungen von Schmerzen können auf Patienten lähmend wirken.

Tipps für MFA:

  • Schmerzmanagement durch Erklärung und Vor- und Nachbereitung: auch schon für die Folgezeit Schmerzmedikation verschreiben.
  • Positive Rückmeldungen während der Behandlung geben.
  • Nachsorge unterstützen, z. B. örtliche Kühlung empfehlen.

Angst vor einer schlechten Diagnose

Die Furcht vor einer schwerwiegenden Diagnose und einschneidenden Erkrankung oder dem Verlust der Gesundheit kann Angst erzeugen, die sich in Vermeidung oder Zurückhaltung äußert. Hier ist besonderes Fingerspitzengefühl gefragt.

Tipps für MFA:

  • Genug Zeit und Raum geben, um in einem persönlichen Gespräch die Diagnose zu erklären und ggf. schon verschiedene Therapieoptionen durchzusprechen.
  • Verständnis zeigen für verschiedene Reaktionsformen, mit denen Patienten auf eine schlechte Diagnose reagieren können.
  • Patienten ermutigen, Fragen zu stellen.
  • Hinweise auf mögliche Unterstützung geben (z. B. Beratung, Seelsorge).
  • Folgetermin vereinbaren, um erneut über Therapieoptionen und die nächsten Schritte zu sprechen. Dabei kann auch abgeklärt werden, welche Unterstützung der Patient aus seinem Umfeld erhalten kann. Erfahrungsgemäß werden im ersten Gespräch nicht alle Informationen aufgenommen und es muss zunächst verarbeitet werden.

Angst vor finanziellen Konsequenzen

Die Sorgen um Kosten und mögliche Belastungen für die Familie ist ein nicht zu unterschätzender Aspekt, der insbesondere bei Pflegebedürftigkeit besonders zum Tragen kommt. 

Tipps für MFA:

  • Informationen zu Kostenerstattungen oder sozialen Hilfen bereitstellen.
  • Auf Beratungsangebote hinweisen.
  • Sensibilität für finanzielle Sorgen zeigen.
  • Administrative Unterstützung durch eventuell erforderliche Gutachten oder medizinische Begründungen für die Erforderlichkeit einer bestimmten Therapie, die nicht regelhaft von den gesetzlichen (oder auch privaten) Krankenkassen übernommen wird. 

Die Fähigkeit von MFA, diese verschiedenen Ängste zu erkennen und empathisch sowie kompetent zu reagieren, ist ein Schlüssel, um Patienten eine angstfreie, vertrauensvolle Versorgung zu ermöglichen. Jede positive Erfahrung im Praxisalltag trägt dazu bei, dass Patienten regelmäßiger und entspannter medizinische Angebote wahrnehmen. Damit leisten MFA eine unverzichtbare Rolle für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Patienten.

Hier habe ich euch eine sehr interessante Online-Fortbildung verlinkt, in der ihr zum „Patientenflüsterer“ werden könnt: https://www.draco.de/mediathek/detailansicht/patientenfluesterer-werden/

Mit welchen Ängsten eurer Patienten seid ihr häufig konfrontiert? Wie geht ihr damit um? Ich bin gespannt, von euren Erfahrungen zu hören.

Viele Grüße

Eure Steffi 

Die Autorin Steffi, MFA/Wundexpertin (ICW)
Steffi Blog

Nach der Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten in einer dermatologischen Praxis für 5 Jahre im Praxisalltag als MFA, seit 2014 bei Dr. Ausbüttel (DRACO®). Wundexpertin (ICW) und bloggende MFA mit Leidenschaft.

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