Notfall am Telefon: Red Flags erkennen und richtig handeln
Das Telefon klingelt, jemand schildert hastig ein paar Symptome und wir haben oft nur Sekunden, um einzuschätzen: Reicht ein Termin in zwei Tagen? Muss die Person heute noch kommen? Oder ist das ein Notfall, bei dem jede Minute zählt? Diese Einschätzung gehört zu den schwierigsten Aufgaben am Empfang.
Deshalb gilt ein einfacher Leitsatz, der euch dabei den Rücken stärkt: Lieber einmal zu früh rückfragen als einmal zu spät.
Red Flags sind Warnzeichen, bei denen ihr eben nicht einfach am Telefon auf einen späteren Termin vertröstet, sondern sofort ärztlich rückfragt oder den Notfallweg einleitet.
Wann das gilt, ist meist klar – die eigentliche Unsicherheit ist oft: Was tue ich dann konkret? Genau darum geht es hier:
- Wann sofort handeln statt vertrösten?
- Was sind die wichtigsten Fragen am Telefon und in welcher Reihenfolge?
- Was tun, wenn der Notfall „anruft"?
- Was ihr dokumentiert und wie die Praxis euch den Rücken freihält
Red Flags: sofort ärztlich rückfragen oder Notfallweg einleiten
Bei diesen Warnzeichen wird kein regulärer Termin vergeben:
- Atemnot oder Brustschmerzen
- neurologische Ausfälle (Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen) oder Bewusstseinsstörungen
- starke Blutung
- Verdacht auf Sepsis oder schwere allergische Reaktion
- starke oder plötzlich einsetzende Schmerzen
- rasche Verschlechterung bei Säuglingen, Schwangeren, Hochbetagten oder Immunsupprimierten
- Suizidgedanken oder eine akute psychische Krise
Im Zweifel zählt euer Bauchgefühl: Wenn sich etwas nach Notfall anfühlt, behandelt es als Notfall. Auch, wenn es sich im Nachhinein als „falscher Alarm“ entpuppt, spielt das keine Rolle. Eure Intuition als MFA mit jahrelanger Erfahrung dürft ihr nicht unterschätzen.
Struktur am Telefon: die wichtigsten Fragen
Bewahrt Ruhe und sprecht ruhig – das überträgt sich. Sichert dann zuerst die Angaben, die ihr braucht, falls die Verbindung abbricht:
- Wer ist betroffen, und wer ruft an?
- Wo ist die Person genau (vollständige Adresse, Etage, Zugang)?
- Unter welcher Rückrufnummer seid ihr erreichbar?
- Was ist passiert, seit wann?
- Wie ist der Zustand jetzt – ansprechbar? Atmet normal? Wie sind Haut, Schmerz, Blutung?
Erst danach klärt ihr Feinheiten. Diese Reihenfolge ist kein Zufall: Mit Standort und Rückrufnummer könnt ihr im Notfall auch dann Hilfe schicken, wenn das Gespräch plötzlich endet.
Der Notfallweg: Was tun, wenn der Notfall „anruft"?
Auf der Notfall-vor-Ort-Seite ist der Ablauf klar (wenn nicht, dann habe ich unten einen spannenden Link für euch). Beim Anruf von außerhalb fehlt er oft. Dabei gilt im Kern dasselbe Prinzip wie vor Ort: handeln im Team und Aufgaben verteilen.
- Nicht vertrösten, nicht lange selbst abklären. Bei akuter Lebensgefahr leitet ihr sofort den Notfallweg ein.
- Ärztin oder Arzt sofort informieren – am besten parallel durch eine Kollegin.
- Notruf 112 sicherstellen. Die 112 ist die integrierte Leitstelle: Sie schickt den Rettungswagen und bei Bedarf den Notarzt und leitet Ersthelfende am Telefon an.
- Ist eine handlungsfähige Person beim Patienten? Dann leitet sie an, selbst die 112 zu wählen, denn das ist der schnellste Weg, weil sie vor Ort ist und alle Infos liefern kann. Oder ihr setzt den Notruf parallel ab.
- Ist die betroffene Person allein oder selbst am Telefon und droht eine Verschlechterung? Erst Adresse und Rückrufnummer sichern, dann von der Praxis aus die 112 alarmieren und den Standort durchgeben.
- Aufgaben verteilen: Eine bleibt am Telefon beim Anrufer – beruhigen, Infos sammeln, einfache Erste-Hilfe-Anweisungen geben, bis Hilfe eintrifft. Eine zweite setzt parallel den Notruf ab und holt den Arzt.
- Anrufer am Telefon halten, bis Rettungsdienst oder Leitstelle übernehmen.
- Don't: bei klaren Red Flags auf einen späteren Rückruf vertrösten oder das Gespräch beenden, bevor Hilfe organisiert ist.
Für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Fälle außerhalb der Sprechzeiten ist der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 die richtige Adresse.
Sonderfall: Suizidgedanken oder akute psychische Krise
Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt:
- Ernst nehmen, ruhig bleiben, zuhören – und die Person nicht allein lassen, also am Telefon halten.
- Arzt oder Ärztin sofort einbeziehen.
- Bei konkreter Selbst- oder Fremdgefährdung besteht Lebensgefahr: 112 (bei Bedarf zusätzlich Polizei 110).
- Als Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige: die Telefon-Seelsorge unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123 – kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar.
- Don't: bagatellisieren, unter Druck setzen oder einfach einen späten Termin geben.
Dokumentation: Was gehört festgehalten?
Haltet knapp, aber vollständig fest:
- Datum und Uhrzeit, Name und Rückrufnummer
- geschilderte Symptome und Verlauf
- eure Einschätzung
- was veranlasst wurde (Arzt informiert, 112 abgesetzt, Termin vergeben) und durch wen
Das schützt im Zweifel die Patientin oder den Patienten und euch.
Praxisorganisation: damit MFA sicher handeln können
Sicheres Handeln am Telefon ist Teamsache und gehört vorab geklärt, also nicht im Ernstfall improvisiert:
- Definiert gemeinsam, was bei euch als Notfall gilt und welche Red Flags sofort eskaliert werden.
- Legt einen Telefonleitfaden mit den wichtigsten Fragen sichtbar an den Arbeitsplatz.
- Verteilt die Aufgaben klar (wer ans Telefon, wer 112, wer informiert den Arzt) – auch für den Vertretungsfall. Der typische Fehler ist nicht, den Notfall zu übersehen, sondern dass alle ihn erkennen und niemand weiß, wer was tut.
- Haltet die wichtigen Nummern bereit: 112, 116 117, TelefonSeelsorge sowie interne Durchwahlen.
- Übt den Ablauf regelmäßig im Team durch.
Hier habe ich noch weitere Beiträge für euch verlinkt, die euch interessieren könnten:
- Richtiger Umgang mit Notfällen in der Hausarztpraxis: https://www.draco.de/blog/richtiger-umgang-mit-notfaellen-in-der-hausarztpraxis-persoenliche-tipps-fuer-mfa/
- Schwierige Telefonate als MFA: https://www.draco.de/blog/schwierige-telefonate-als-mfa/
Ein Notfall am Telefon ist Stress pur – aber mit klaren Red Flags, einer festen Fragereihenfolge und verteilten Rollen werdet ihr genau dann sicher, wenn es darauf ankommt. Und der Leitsatz vom Anfang trägt euch durch jede unsichere Situation: lieber einmal zu früh fragen.
Wie ist das bei euch geregelt? Habt ihr einen festen Telefonleitfaden oder eine klare Rollenverteilung für den Notfall? Ich freue mich wie immer auf eure Erfahrungen aus dem Praxisalltag!
Viele Grüße
Eure Steffi
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Notfallmanagement: Jährliche Unterweisung