Blutdruck richtig messen: Die 10 häufigsten Fehler – und wie ihr sie vermeidet
Frau Berger (68) sitzt kaum auf dem Stuhl, da legt ihr schon die Manschette an, weil es mal wieder schnell gehen muss. Sie ist gerade die Treppe hochgehetzt, hält noch ihre Tasche fest und erzählt aufgeregt von ihrem Enkel. Das Gerät zeigt 162/95. Frau Berger erschrickt: „So hoch? Oh Gott, ist das schlimm?" – und beim zweiten Versuch ist der Wert dann sogar noch höher.
Kennt ihr solche Situationen? Die Blutdruckmessung gehört zu den häufigsten Handgriffen im Praxisalltag – und genau deshalb schleichen sich so leicht Routinefehler ein. Das Tückische daran: Ein falsch gemessener Wert kann nicht nur die Therapie verfälschen, sondern eure Patienten unnötig verunsichern. In diesem Beitrag zeige ich euch die zehn häufigsten Fehlerquellen. Am Ende findet ihr eine Schritt-für-Schritt-Praxisanleitung für den idealen Messablauf.
Fehler 1: Keine Ruhe vor der Blutdruckmessung
Wer gerade gehetzt, gestresst oder aufgeregt ist, hat einen erhöhten Blutdruck – das ist ganz normal. Wird sofort gemessen, ist der Wert zu hoch. Erschrickt die Patientin dann über den hohen Wert, wird sie noch nervöser, und der nächste Wert steigt weiter. Ein Teufelskreis.
So macht ihr es richtig: Lasst die Person vor der Messung 3–5 Minuten ruhig sitzen. Diese kurze Pause ist keine verlorene Zeit, sondern die Grundlage für einen verlässlichen Wert.
Fehler 2: Manschette des Blutdruck-Messgeräts zu groß (oder zu klein)
Die Manschettengröße ist eine der unterschätzten Fehlerquellen.
Zu klein → der Wert fällt zu hoch aus.
Zu groß → der Wert fällt zu niedrig aus.
Bei einem kräftigen Oberarm mit einer Standardmanschette kann das mehrere zehn mmHg ausmachen.
So macht ihr es richtig: Die Manschettenbreite sollte etwa 40 % des Oberarmumfangs betragen. Haltet für kräftige und für sehr schmale Arme passende Manschettengrößen bereit und prüft vor der Messung, ob ihr die richtige greift.
Fehler 3: Messung über der Kleidung
Über dem Pullover gemessen ist schneller – aber unzuverlässig. Stoff dämpft die Geräusche, eine hochgeschobene Bluse schnürt den Arm ein. Häufig wird das Klopfgeräusch dadurch zu früh nicht mehr gehört und der Wert fällt zu niedrig aus.
So macht ihr es richtig: Am unbekleideten Oberarm messen. Achtet darauf, dass ein hochgeschobener Ärmel nicht einschnürt – notfalls den Arm lieber ganz aus dem Ärmel nehmen lassen.
Fehler 4: Falsche Körperhaltung
Übereinandergeschlagene Beine, ein freischwebender Rücken oder ein hängender Arm – all das verändert den Wert. Besonders überschlagene Beine und fehlende Rückenlehne treiben den Blutdruck nach oben.
So macht ihr es richtig: Beide Füße flach auf den Boden, Rücken angelehnt, Arm entspannt aufgelegt. Eine ruhige, gestützte Haltung ist Pflicht.
Fehler 5: Der Arm ist nicht auf Herzhöhe
Liegt der Arm zu tief, fällt der Wert zu hoch aus; liegt er zu hoch, zu niedrig. Pro Zentimeter Abweichung verändert sich der Wert spürbar.
So macht ihr es richtig: Die Manschette muss auf Herzhöhe liegen – am besten den Arm auf einem Tisch oder einer Armlehne abstützen, sodass die Ellenbeuge etwa auf Höhe des Herzens ist.
Fehler 6: Reden während der Messung
Sprechen – auch freundliches Smalltalk – kann den systolischen Wert deutlich anheben. Genauso wirkt Zuhören und Antworten.
So macht ihr es richtig: Erklärt vorher kurz den Ablauf und bittet die Person, während der Messung ruhig zu bleiben. Auch ihr selbst messt am besten schweigend und genießt ganz kurz den Moment der Ruhe.
Fehler 7: Vorher Kaffee, Nikotin, Sport oder volle Blase
Koffein und Nikotin lassen den Blutdruck steigen, körperliche Anstrengung ebenso – und eine volle Blase kann den systolischen Wert spürbar anheben. Wird das nicht beachtet, messt ihr nicht den „echten" Ruheblutdruck.
So macht ihr es richtig: Gebt euren Patienten den Hinweis, circa 30 Minuten vorher keinen Kaffee zu trinken, keine Zigarette zu rauchen und keinen Sport zu machen. Fragt im Zweifel kurz nach – und bietet vor der Messung den Gang zur Toilette an.
Fehler 8: Nur einmal messen
Ein einzelner Wert ist eine Momentaufnahme – und oft die schlechteste. Gerade der erste Wert ist häufig erhöht („Weißkitteleffekt"). Wer nur einmal misst, riskiert Fehldiagnosen.
So macht ihr es richtig: Mindestens zwei, besser drei Messungen im Abstand von 1 bis 2 Minuten, dann der Mittelwert aus den letzten beiden. Das ist auch die Empfehlung der Deutschen Herzstiftung – und ein gutes Argument, falls Patientinnen oder Patienten ungeduldig werden.
Noch ein Tipp: Manche Patienten messen zu Hause regelrecht zwanghaft, manchmal zehn- oder zwanzigmal am Tag, und geraten dadurch in eine echte Angstspirale. Wenn euch so etwas auffällt, reagiert mit Ruhe: erklärt, dass häufiges Messen die Werte eher verschlechtert, und ermutigt zu festen, seltenen Messzeiten. Bei deutlichem Leidensdruck ist ein behutsamer Hinweis an die Ärztin sinnvoll – dahinter kann mehr stecken als nur Unsicherheit.
Fehler 9: Messung am falschen Arm oder ohne Vergleichsmessung
Bei neuen Patienten weiß niemand, welcher Arm die höheren Werte liefert – und Seitenunterschiede können erheblich sein. Wird das ignoriert, messt ihr womöglich dauerhaft am „falschen" Arm.
So macht ihr es richtig: Bei unbekannten Personen einmalig an beiden Armen messen und mit Seitenangabe dokumentieren. Künftig wird am Arm mit dem höheren Wert gemessen. Und Achtung: nicht an einem Arm mit Shunt, Verweilkatheter oder Lähmung/Sensibilitätsstörung messen.
Fehler 10: Gerät, Technik oder Validierung werden nicht beachtet
Auch das beste Vorgehen nützt nichts, wenn das Gerät nicht stimmt: nicht validierte Geräte, abgelaufene Eichung, zu schnelles Ablassen der Luft oder ein vergessenes Stethoskop verfälschen das Ergebnis.
So macht ihr es richtig: Nutzt geprüfte, validierte Geräte, haltet Wartungs- und Eichintervalle ein, lasst die Luft langsam ab (2–3 mmHg pro Sekunde) und arbeitet sauber nach Standard.
Der ideale Messablauf auf einen Blick
- Vorbereitung: Person 3–5 Minuten ruhig sitzen lassen, kein Kaffee/Nikotin/Sport unmittelbar vorher, ggf. Toilette anbieten.
- Haltung: aufrecht, angelehnt, Beine nicht überschlagen, Füße flach auf dem Boden.
- Arm freimachen: unbekleideter Oberarm, kein einschnürender Ärmel.
- Manschette wählen: passende Größe (ca. 40 % des Oberarmumfangs).
- Anlegen: fest und faltenfrei, ca. 2,5 cm oberhalb der Ellenbeuge, auf Herzhöhe.
- Ruhe: während der Messung nicht sprechen – weder Patient noch ihr.
- Messen: langsam ablassen, Werte sauber ablesen und dokumentieren.
- Wiederholen: 2–3 Messungen, Mittelwert bilden.
- Bei neuen Patienten: beidseitig messen, Seite dokumentieren.
- Gerät: validiert, gewartet, korrekt bedient.
Wer das Thema für die Ausbildung oder zum Auffrischen kompakt auf einem Blatt haben möchte, findet bei uns den passenden Lernzettel mit allen Grundlagen, Normwerten und dem klassischen Messablauf: https://www.draco.de/fileadmin/pdf/draco-azubiwelt-lernzettel-blutdruck-blutdruckmessung.pdf
Mehr Lernmaterial für die Ausbildung gibt es in der DRACO MFA-Azubiwelt: https://www.draco.de/mfa-azubiwelt/
Blutdruckmessen ist Routine – und genau das macht es anfällig für kleine Fehler mit großer Wirkung. Wenn ihr auf Ruhe, die richtige Manschette, Herzhöhe und mehrere Messungen achtet, bekommt ihr verlässliche Werte und erspart euren Patienten unnötige Sorgen.
Welcher Fehler passiert euch selbst in eurem Praxisalltag? Habt ihr einen eigenen Trick, mit dem ihr nervöse Patienten vor der Messung beruhigt? Schreibt mir gerne in die Kommentare!
Viele Grüße
Eure Steffi