Moderne Wundversorgung

Kriterien der Moderne Wundversorgung

Die Anforderungen an die Wundauflagen haben sich verändert. Entgegen den traditionellen Prinzipien, dass eine Wundauflage nur als Abdeckung dient, wirken die hydroaktiven Wundauflagen selbst als therapeutisches Mittel. Grundsätzlich verhindern die feuchten Wundauflagen das Austrocknen von Wunden. Die Kriterien für einen idealen, modernen Wundverband sind durch T.D. Turner definiert:

  • Aufrechterhaltung eines feuchten Milieus im Wundbereich
     
  • Entfernung von überschüssigem Exsudat und toxischen Bestandteilen
     
  • Gewährleistung von Gasaustausch
     
  • Thermische Isolierung der Wunde
     
  • Schutz vor Sekundärinfektion durch Undurchlässigkeit für Mikroorganismen von außen
     
  • Ermöglichung eines atraumatischen Verbandwechsels
     
  • Keine Abgabe von Fasern oder anderer Fremdstoffe

Wundauflagen, die aktiv in den Heilungsprozess eingreifen, werden als aktive Wundauflagen bezeichnet. Bei diesen Produkten liegt das Hauptaugenmerk nicht darauf, die Wunde feucht zu halten, sondern die Mechanismen der Abheilung zu fördern. Sie enthalten Substanzen, die eine Rolle im Heilungsprozess spielen oder ihn initiieren.

Der ideale Wundverband allein bedingt noch keine zügige Wundheilung. Erst im Zusammenhang mit der Kausaltherapie unter Behandlung und Ausschaltung der Ursachen ist es möglich, den Heilungsprozess adäquat zu starten.

 

 

Produkte der moderne Wundversorgung

  • Alginate werden meist aus Seealgen gewonnen und bestehen aus einem lockeren Faserverbund, der sich bei Kontakt mit Natriumsalzen, die in Blut und Wundexsudat vorhanden sind, unter Quellung in ein feuchtes Hydrogel verwandelt. Dabei werden Bakterien und Zelltrümmer eingeschlossen und je nach Produkt Calcium, Zink oder Mangan abgegeben. Durch die Freisetzung der Calciumionen ist die hämostypische Wirkung der Alginate auch bei blutenden Wunden nach chirurgischem Debridement nutzbar. 

Einsatzgebiete: mäßig bis stark sezernierende Wunden, auch tief und zerklüftet,   benötigen eine sekundäre klebende Abdeckung.

 

  • Hydrokolloide sind meist zweischichtig aufgebaut. Den Kontakt zu der Wunde hat eine selbsthaftende Schicht, die aus einer hydrokolloidalen flüssigkeitsabsorbierenden Mikrogranula besteht, die in eine hydrophobe Matrix eingebettet ist. Unter Aufnahme von Wundsekret verflüssigt sich die Hydrokolloidmasse in ein visköses Gel. Den Abschluß der Auflage bildet eine semiokklusive Polyurethanfolie. Deren hydroaktive Fähigkeiten in Kombination mit dem Hydrokolloid weichen fibrinöse Beläge auf und lösen sie ab. Gleichzeitig kann mit dem Verband geduscht werden.

Einsatzgebiete: mäßig exsudierende Wunden im Übergang von Granulation zur Epithelisierung.

 

  • Schaumstoffe bestehen aus reizlosem Polyurethanschaum. Die porenreichen Auflagen saugen wie Schwämme mittels Kapillarkraft Flüssigkeiten auf und erhalten so ein feuchtes Wundmilieu. Wundseitig können die Produkte mit Silikon beschichtet oder thermisch geglättet sein, um ein Verkleben mit dem Wundgrund zu vermeiden und einen möglichst atraumatischen Verbandwechsel zu ermöglichen. Hydropolymere sind Schaumverbände, die expandieren und der Wundoberfläche entgegenquellen. Schaumstoffe ohne Deckfolie, so genannte Cavitys werden in saubere Wundhöhlen eingelegt und nehmen (z.T. unter beachtlicher Volumenzunahme) Wundexsudat auf. Sie dienen als Wundfüller.

Einsatzgebiete: mäßig bis stark sezernierende Wunde, als Wundfüller, zum Abpolstern

 

  • Hydrogele bestehen zu über 60% aus Wasser und wirken quellend und befeuchtend auf die Wunde ein, lösen Nekrosen an oder auf und erleichtern das mechanische Debridement. Hinzu kommt eine schnelle Schmerzlinderung vormals trockener Wunden. Als Abdeckung des Gels kann im einfachsten Falle eine Sterilfolie oder ein Hydropolymerschaum verwendet werden. Klassische Hydrokolloidverbände sind als Abdeckung wenig geeignet, da die Hydrogele ihre Matrix angreifen, auflösen und somit der Wunde nicht mehr zur Verfügung stehen.

Einsatzgebiete: Befeuchtung der Wunde, Ablösung von Nekrosen und Fibrinbelägen

 

  • Wundauflagen zum Einsatz bei infizierten Wunden: Wundinfektionen sind stets lokale Störfaktoren. Nach erfolgtem Wundabstrich kann die Therapie meist lokal erfolgreich durchgeführt werden. Zur Verfügung stehen mittlerweile eine Vielzahl antimikrobiell wirksamer Wundauflagen mit Silber oder Polihexanid. Viele dieser Wundauflagen binden ebenfalls belastende Wundgerüche.

 

  • Antiseptika: Entscheidende Kriterien für optimale Wundantiseptika sind u.a. Farblosigkeit, breites antimikrobielles Spektrum, keine Resistenzen, keine Hautreaktionen und Kontaktallergien, geringe oder fehlende Wundheilungshemmung.

 

  • Wundspülung: sinnvoll sind Wundspülungen bei jedem Verbandwechsel um Beläge und Fremdkörper zu entfernen. Neben den klassischen Lösungen wie physiologische Kochsalz- oder Ringerlösung gewinnen konservierte Wundspülungen an Bedeutung. Diese sind nach Anbrauch produktabhängig mehrere Wochen haltbar und entfernen Biofilme effektiv aus den Wunden. Körperwarme Anwendung erhöht den Patientenkomfort und stört die Wundheilung nicht.

 

 

Heilung von Wunden: Klassische Wundversorgung versus moderner Wundversorgung

Viele Wunden heilen von allein. Dank des Reparaturmechanismus unseres Körpers geschieht dies zunächst ohne besondere therapeutische Maßnahmen.

Nicht selten stellt die nicht heilende oder chronische Wunde die Spitze des Eisbergs dar. Verzögerungen und Komplikationen während der Heilung sind häufig Ausdruck tieferliegender Probleme, die ihren Ursprung in der Wundentstehung und der Grunderkrankung des Patienten haben.

Die Grundsätze zur modernen Wundversorgung haben bisher in der Bevölkerung noch relativ wenig Verbreitung gefunden. Das Austrocken lassen von Wunden, das Einbringen von Salben und sonstigen Lokaltherapeutika direkt in die Wunde und die Verwendung konventioneller Wundauflagen ist weit verbreitet. Eine Wunde austrocknen zu lassen, galt viele Jahre als erstrebenswertes Ziel. Dabei stellte man sich vor, dass Schorf die Wunde vor bakterieller Kontamination schützt und die Heilung begünstigt. Heute gilt als unbestritten, dass ein feucht- warmes Wundmilieu die Heilung fördert. Bedenken gegenüber erhöhten Infektionsgefährdungen konnten ausgeräumt werden.

Zu den klassischen konventionellen Wundauflagen zählen Verbandmull, Wundschnellverbände (»Pflaster«) und Mull- und Vlieskompressen. In Kombination mit Zellstoff oder Watte erhöht sich die Saugkraft. Um einer Verklebung mit der Wunde vorzubeugen, müssen sie regelmäßig mit Ringer-Lösung befeuchtet werden (das gilt nicht für aluminiumbeschichtete Vlieskompressen). Allerdings nimmt dann ihr Saugvermögen deutlich ab. Alternativ gibt es Salbenkompressen oder hydrophobe synthetische Kompressen.

In der Granulationsphase darf die Wunde weder zu trocken noch zu feucht sein. Semipermeable Wundauflagen ermöglichen den Gasaustausch und tragen zu einem optimalen Klima bei. Der Sauerstoffpartialdruck sinkt und der pH-Wert verschiebt sich ins leicht saure Milieu, was die Fibroblastentätigkeit positiv beeinflusst. Da das neue Gewebe sehr empfindlich ist, viele feine Blutgefäße enthält und das Sekret sehr eiweißreich ist, neigt es zum Verkleben. Klassische Mull- und Vlieskompressen eignen sich daher weniger.